Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Aus der Zeit der Hoffaktoren
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 4)
- Language
- German
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— 39 — niedrigten selber hinab, die neue Zeit rief sie gerade aus den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, in die man sie hineingepreßt hatte, als Helfer zu sich heran. Vom Großhandel ausgeschlossen waren sie längst Faktoren, Agenten, Zwischenhändler geworden; solche Leute brauchte man jetzt bei der veränderten Handelslage. Vom Grund- und Bodenbesitz hatte man sie ferngehalten und ihnen den Geldhandel aufgezwungen; jetzt war anstelle der Naturalwirtschaft die Geldwirtschaft der Machtsaktor geworden und man bedurfte der Juden um so mehr, als das christliche Kapital in den judenrein gehaltenen großen Handelsstädten arg zusammengeschrumpft war. Städte, Stände, Zünfte mußten vor dem neuen Handelssystem ihre Privilegien preisgeben, ihre sestverschlossenen Zugänge dem Polypol öffnen; Kleingewerbe und Hausindustrie begannen chre Entwicklung, der Hausierhandel gewann an Umfang und Bedeutung: das alles kam den bisher durch Monopole, Privilegien und Zunftzwang zurückgestoßenen, als Hausierern verachteten Juden zugute. Die veränderte Stellung des Landesherrschers endlich erwies sich erst recht als bedeutsam für ihr Geschick. Die Fürsten benötigten der Juden nicht mehr wie früher bloß zur persönlichen oder höfischen Dienstleistung, sondern weit mehr im Landesinterefse, für die wiederherzustellende Staatswohlfahrt, für ihre volkswirtschaftlichen Pläne und Strebungen. Ob es sich umHandelundJndustrie, um Steuer und Münzwesen, ja selbst um die Erhaltung des Heeres handelte, immer mußte man die Juden angehen und ihreHilfe, ihre Verbindungen, ihre Geld- und Materialquellen in Anspruch nehmen, mußte angesehene und einflußreiche Juden in das Vertrauen der Fürsten und Regierungen ziehen. Das Jahrhundert nach dem dreißigjährigen Krieg ist die Blütezeit der Hoffaktoren in Deutschland. Es hat nie an einzelnen, bei Herrschern in Gunst und Vertrauen stehenden jüdischen Persönlichkeiten gefehlt; jetzt aber taucht eine ganze Garde von Hoffaktoren aus: kaiserliche, königliche, kurfürstliche, herzogliche, gräfliche oder sonst irgendwie titulierte Hofjuden, kein Land, kein Fürst in deutschen Gauen, die nicht einen oder gar mehrere besessen