Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Rückblick auf die Jahre 5684 und 5685
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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T — 5 — Deutsch - Oesterreichs heldische Lebensretter kennen immer noch nur ein Heilmittel für den Staat, die Einführung der Arier-Paragraphen im gesamten öffentlichen Leben, und die Regierung hat alle Mühe, den Hakenkreuzlern gegenüber ihren Willen durchzusetzen und die Verfassung aufrecht zu erhalten. In Ungarn führen die Juden Beschwerde darüber, daß ihr Leben noch immer vogelfrei ist, während die Regierung versichert, daß sie in der Herstellung von Ordnung im Lande mächtige Fortschritte gemacht hat. Wahrscheinlich sind beide Parteien im Recht, aber die Geister der Gewalt, die Herr Horthy einst rief, sind nicht so leicht wieder zu bannen. Als ein wirklicher Fortschritt darf aber ein Urteilsspruch des höchsten Gerichtshofs verzeichnet werden, der das volle Staatsbürgerrecht der Juden ohne jede Einschränkung und ohne jeden Vorbehalt anerkennt. In den neugebildeten Staaten sicherten die Friedensverträge den Juden Minderheitsrechte zu. Wenn die meisten der vierzehn Punkte Woodrow Wilsons sich als Schwert ohne Klinge erwiesen haben, so hat doch keiner sich als so inhaltsleere Phrase gezeigt, wie „die nationale Autonomie der Minderheiten." Der lettische Minister des Aeußeren hat jüngst die Ansicht geäußert, daß die Gewährung kultureller Autonomie an die nationalen Minderheiten den sichersten Schutz gegen die Bildung einer Jrredenta bietet. Damit ist richtig erkannt, weshalb sie den Juden trotz der Zusage in Paris überall vorenthalten wurde. Eine jüdische Jrredenta war nirgends zu fürchten. Weiter aber waren die Juden nirgends über die ihnen Zuzusichernde nationale Sprache einig; von anderen Sprachen abgesehen, bestand überall der Wettbewerb zwischen Hebräisch und Jiddisch. Lettland ist der einzige der ehemals russischen Staaten, der das jüdische Schulwesen anerkennt und durch eine namhafte Subvention fördert, auch die Frage der Gemeinde-Autonomie in befriedigender Weise gelöst hat. Von den österreichischen Nachfolgestaaten hat die Tschechoslovakei dem jüdischen Schulwesen jede mögliche Erleichterung gewährt; sie mußte es fteilich erleben, daß die