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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1920-01-01 · 23 (1920) · p. 140

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
23 (1920)
Article
Kaddisch
Date
1920-01-01
Page
140 (sequence 39)
Language
German
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— 140 — warf ihn ins Feuer. Die Flamme lohte empor, die Blätter knisterten, die Funken flogen in die Höhe und unten am Holzstoß wandelte sich alles zur Asche. Der Weise stand dabei, blickte in die Flamme und sagte-: Ich sehe das Pergament brennen, aber die Buchstaben schweben in der Luft. M a r y a. Du sprichst so eigentümlich. Deine Geschichten sind immer so kurz und so geheimnisvoll dunkel. S i m s o n. Ich wollte dir nur damit sagen, so ein Ding (auf den Folianten weisend) ist unverwüstlich; du kannst es zerstampfen, vernichten, verbrennen, es hilft dir nichts; die Buchstaben schweben in der Luft. Wer sie einmal in sich eingesogen, der wird sie im Leben nicht mehr los ... Es liegt ein Zauber darin ... Es ist, wie ich dir sagte, ein Stück geistiges Vaterland, das einem überallhin folgt . . . M ar y a. Lernst du jetzt auch noch aus diesem Buch? S i m s o n. Jetzt nicht mehr. Aber zuweilen sitze ich in der Nacht auf dieser Bank — allein — mit diesem Buch — da ersteht vor mir eine versunkene Welt. (Träumerisch) Da hör' ich mitunter ein wehmütiges Wiegenlied .. . Einer Mutter Hoffen findet darin die wundervollsten Töne . . . Einer Mutter Freude und Stolz spricht aus diesem Liede in Langen, zittrigen, zarten Melodien . . . Die Nacht ist still und dunkel, ein matter Kerzenschimmer erhellt den Raum, aber in dem Mutterherzen ist es licht, weil sie hoffnungsfreudig ihre Zukunft in den Armen wiegt .... Sie schaukelts und wiegts und singt ihm ein lehrreiches Lied . . . Und sie pfianzt in sein junges Herz den Keim eines Willens, des Willens zum Wissen . . . Und dieses Wissen, zeit- und zwecklos, wird dann eine Macht, die nach innen wirkt ...

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