Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Kaddisch
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 133 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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133 — Amram (sich überwindend; spricht in flehendem Tone). O Herr, erbarmt Euch meint — Ich bitte Euch, laßt mich zu ihm! Ich will mit ihm reden. L a n ch U 111 (wagt sich vor; mit einer Verbeugung). Tut's, Herr! Ihr tut ein gutes Werk. Mehrere Juden. Habt Erbarmen, Herr! . . . Wolowski (aufbrausend). Schweigt! — Soll ich etwa der gesamten Judengemeinde Rede und Antwort stehen? (Zu Amram.) Geht nach Hause, alter Mann. Ihr habt hier nichts zu suchen. Amram. O doch — meinen Sohn. Wolowski. Euer Sohn bleibt Euer Sohn — heut und immerdar — ob er hier ist oder dort — Amra m. Jeder Vogel wohnt bei seiner Gattung; auch der Mensch soll sich an seinesgleichen halten. Wolowski (gereizt). Alter Mann, ich Hab Euch nichts mehr zu sagen. (Amram zuckt zusammen. Es ist, als gäbe er sich innerlich einen Ruck. Man sieht, wie sich in ihm etwas aufbäumt und wie er zuletzt seine innnere Erregung niederkämpft. Er macht einen Schritt nach vorwärts, senkt tief sein Haupt und beharrt in dieser Stellung vor Wolowski.) Amram (mit vibrierender Stimme). Seht her, Herr, der Scheitel ist mit Schnee bedeckt, die Zeit hat ihre Furchen in das Gesicht gezeichnet, die Jahre lasten auf mir, in der Tat, ich bin — wie Ihr sagt — ein alter Mann. Aber mein Lebenlang Hab ich nur (nach oben zeigend) vor dem, dessen Namen anzurufen ich nicht wert bin, in flehender Demut gebeugt und gebückt gestanden. Heute stehe ich so vor einem Wesen aus Fleisch und Blut. — Denn ungleich verteilt aus dieser Welt sind Recht und Macht. Der eine ist im Rechte, der andere hat die Macht.