Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Kaddisch
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 134 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111112-3115045--6211-3115190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 134 — Wolowski. Das heiß ich Worte eines stolzen Juden! A M r a M «fortfahrend). Wie ein Bettler an der Tür steh ich vor Euch mit gebeugtem Rücken, denn Ihr habt die Macht, Herr, und Ihr allein könnt mir zu meinem Rechte verhelfen. Aufrecht bin ich bis jetzt durchs Leben gegangen; Eure Macht erst hat mich gedemütigt und bis zum Staub erniedrigt. Doch ich will am Menschen nicht verzweifeln. Wie könnt Ihr hart sein im Anblick meines Jammers? Wie könnt Ihr taub sein dem Aufschrei meines zerrissenen Herzens? — Ich bitte Euch, laßt mich zu meinem Kinde! Wolowski (stellt sich breit hin, als wollte er ihm den Weg vertreten.) Das geht nicht. Amram. Ihr seid ja selbst Vater, Ihr kennt die Gefühle eines Vaterherzens. Wieviel Mühe und Plage hat der Mensch, bis er sein Kind großgezogen hat. Den Gewinn der Tage, der Nächte Ruhe gibt er für es freudig hin, denn das ist der Halt seines Lebens, der Wert seines Daseins. Stirbt den Eltern ihr Kind, so erlöschen alle Lichter des Himmels und die Welt versinkt in tiefe, tiefe Dunkelheit. (Ganz gebrochen.). Und er ist mein Sohn und als Sohn der einzige — und mir soll mein Kind doppelt gestorben sein? Wolowski. Er ist Euch nicht gestorben. Ihr habt ihn nicht verloren. Natur hat ihn Euch zum Sohn gegeben; er bleibks, wenn er auch unser ist. Amram (abwehrend). Nein, nein. — So ist's nicht — So ist's wirklich nicht. — Gehört er erst zu Euch, so kann er nicht mehr mir gehören . . . nimmermehr . . . Man soll nicht aus zwei Bechern trinken.