Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Kaddisch
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 132 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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— 132 — ich Hab noch Euren Vater gekannt, den Doktor Jgnacy Wolowski. Das war ein feiner Mann, ein guter Mensch, den Juden wohlgesinnt. Er dürfte, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, so an die dreißig Jahre tot sein. Glaubt Ihr nun, daß Euer toter Vater, der dreißig Jahre schon im Grabe ruht, dieses Recht verwirkt habe? Ohnein! Heute noch — bedenket Wohl! — heute noch macht er sein Recht an Euch täglich und stündlich geltend. Wolowski lfährt sich nervös mit der Hand über das Kopfhaar). Nun, zur Sache! — Was wollt Ihr denn eigentlich? A m r a m (ein wenig die Arme vor sich hinstreckend, stehend). Gebt mir mein Kind, gebt mir meinen Sohn wieder! Wolowski. Ich Hab Euch kein Kind genommen, kann Euch keinen Sohn wiedergeben. — Hört mir zu! Ihr seid ein kluger Mann, und werdet doch nicht ernstlich glauben, daß man Euren Sohn gewaltsam entführt habe. Er ist erwachsen, weiß zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ist für sein Tun und Lassen selbst verantwortlich, und vor allem: ihm steht nach Recht und Gesetz es zu, frei über seinen Willen zu verfügen. — Das ist nun einmal der wahre Sachverhalt; da können Euch selbst Moses und die Propheten nicht Helsen. A m r a m (eindringlich bittend). Laßt mich nur zu ihm! Ich will mit ihm reden. Wolowski (fortfahrend, die Worte Amrams absichtlich überhörend). Das ist, wie gesagt, der wahre Sachverhalt, und damit müßt Ihr Euch abfinden. Aber Ihr Juden könnt Euch mit einer Sache, die Euch nicht paßt, schwer abfinden; und rechtlich denken ist wahrlich nicht Eure stärkste Seite. Aus freien Stücken hat einer von Euch sich uns angeschlossen — und Ihr nennt es Raub; Ihr brecht nächtens ein in ein fremdes Haus — und Ihr nennt es Billig, nennt es Recht sogar. (Große Aufregung. Wolowski blickt triumphierend um sich.)