Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Kaddisch
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 106 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 106 — T a n ch um (hat inzwischen die Zigarette fettig gemacht und sie an einer brennenden Kerze angezündet). Glaubt mir, der Kern ist gut. Stören Euch seine Redensarten? Die sind leerer Schall ... ein Lufthauch ... ein gestriger Tag . . . Aber der innere Kern — na, ich kenne Euren Simson beffer. A m r a m. Gibts denn für ihn keinen bessern Umgang als den Wolowski, den alten Judenfeind? Tagelang treibt er sich irgendwo in der Vorstadt mit ihm herum und „philosophiert". Simson. Es ist doch nichts Schlimmes daran, beim Spazierengehen mit einem klugen Menschen ein kluges Gespräch zu führen. A m r a m (erregt mit dem Finger drohend). Dich zieht's zu den — Gojim. Tan ch um. Nur nicht gleich so hitzig. Reb Amram, nur nicht gleich mit dem groben Finger. — Was sprecht Ihr da? — Euer Simson — ein Reis von solchem Stamme — den soll es zu den Gojim ziehen? . . . Vielleicht gar umgekehrt? Elje. Was heißt denn das, umgekehrt? Tanchum. Nu — vielleicht zieht's den alten Wolowski zu den Juden hin? Wißt Ihr denn das nicht, daß die Wolowskis aus dem ehrwürdigen jüdischen Gelehrtengeschlecht Scharr stammen. Als der falsche Messias Jakob Frank — sein Name sei getilgt aus dem Gedächtnis der Lebenden — auftrat, richtete er unter den Juden eine große Verwüstung an; seine Anhängerschaft war sehr zahlreich, und darunter befanden sich auch viele Mitglieder der achtbaren Familie Scharr. Mit vielen andern Frankisten sind später diese Scharr zum katholischen Glauben übergetreten und haben den Namen Wolowski ange-