Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Kaddisch
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 105 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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105 — Tanchum. Nu, ein Wunder? Ein Kind aus solchem Hause! Wie sagen unsere Weisen: Die Thora kehrt immer wieder in ihrer alten Herberge ein. A m r a m - Das gilt nur von frühern Zeiten. Heute ist eine verkehrte Welt: die Obern fallen herunter und die Untern steigen nach oben. Die Söhne der Gelehrten sind heute nicht selten unwissend, und die Söhne der Unwissenden gelehrt Die Thora hat heute keine Herberge mehr; wo sie offene Türen findet, da kehrt sie ein. T a n ch u m. Meiner Treu, Ihr habt recht, und doch wieder nicht recht. Der Stamm bleibt trotzdem Stamm. Was sich so vererbt von Vater auf Sohn und von Sohn auf Enkel, das wurzelt, das hat Grund — den andern fehlt das Fundament. Elje. Das ist wahr, Fundament ist Fundament. Amram (zu Rahel). «sei so gut, Kind, und stopfe mir die Pfeife! (Rahel hott aus einer Ecke eine lange Pfeife, stopft sie und reicht sie dem Vater. An einer der brennenden Kerzen setzt er die Pfeife in Brand. Hierauf lehnt er sich behaglich schmauchend in seinen Lehnstuhl zurück. Elje zieht aus seiner Brusttasche ein feines Zigarrenetui und zündet sich eine Zigarre an. Dina und Rahel nehmen auf dem Sofa Platz.) T cr n ch u m (entnimmt seiner Hosentasche Rauchtabak und Zigarettenpapier und dreht mit den Fingern eine Zigarette). Seht Ihr, Reb Amram, alles muß Wurzel haben. Wenn der Stamm gesund ist, so schadet's ihm auch nicht, wenn einige Zweige nicht so gut geraten. Amram (mit einem Seitenblick auf Simson). Mein Sohn macht mir viel Kummer — ein Philosoph geworden — pflegt Umgang mit Christen — führt merkwürdige Reden, ein Philosoph geworden — ein ganzer Philosoph.