Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Das Problem der jüdischen Kultur
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 99 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 99 — Lu ms- Aber haben diejenigen, die das Gesetz abschafften, die Sünde abgeschafft? Haben diejenigen, die die Sittlichkeit auf die eigenen Füße stellten und der Stützen und Krücken entbehren zu können glaubten, einen befferen Wandel der Sittlichkeit gelernt? Ist mit dem Kampf des Apostels Paulus gegen das Gesetz wirklich die innere Not des Menschen überwunden? Hat der Glaube an die Gnade, der damals an die Stelle des Gesetzes trat, die Pein der inneren Entzweiung aufgehoben? Ist das verkündete tausendjährige, Reich, das Reich der Liebe und Gerechtigkeit, das Reich des Friedens aas Erden und des Friedens in der Menschenseele, gekommen, oder auch nur gefördert worden unter denen, die damals die jüdische Lösung des Problems der Kultur verlassen und verächtlich gemacht haben? Möge doch die Geschichte reden. Welchem Kämpfer gebührt der Siegespreis im Wettkampf der Völker? Wie heißt das Volk, das in seiner unerreicht hohen sozialen Gesetzgebung den Trieb zur Selbstsucht überwand, und das keine Parias, keine Heloten, keine Plebejer, keine Sklaverei, keine Latifundienwirtschast und keinen Pauperismus kannte? Wie heißt das Volk, das, nach dem Worte Hermann Lotze's, wie Nüchterne unter Trunkenen war? Wie heißt das Volk, das sich die sittliche Gesundheit und den starken Lebensmut bewahrteder es allein dem Todesrachen der Geschichte entriß, der es allein über die Gräber der Vergangenheit schreiten ließ, wo alle andern Völker in die Gräber stiegen? Wie heißt das. Volk, das nie, solange es sein Gesetz beobachtete, vom kranken, greisenhaften Pessimismus, vom müden Lebensüberdruß, den sichtbaren Zeichen sittlichen Verfalls, erfaßt war? Das sich in seinem wunderbaren jüdischen Familienleben eine Stätte warmen sonnigen Lebensglückes schuf, wohin der Kampf und Unfrieden der Welt nicht drang. Scheint nicht der jüdische Optimismus, die jüdische Lebensfreude, das jüdische Familienglück, in der Tat der Siegespreis zu sein für die jüdische Lösung des Problems der Kultur? 7*