Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1920-01-01 · 23 (1920) · p. 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
23 (1920)
Article
Das Problem der jüdischen Kultur
Date
1920-01-01
Page
99 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111112-3115044--6175-3115155
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 99 — Lu ms- Aber haben diejenigen, die das Gesetz abschafften, die Sünde abgeschafft? Haben diejenigen, die die Sittlichkeit auf die eigenen Füße stellten und der Stützen und Krücken entbehren zu können glaubten, einen befferen Wandel der Sittlichkeit gelernt? Ist mit dem Kampf des Apostels Paulus gegen das Gesetz wirklich die innere Not des Menschen überwunden? Hat der Glaube an die Gnade, der damals an die Stelle des Gesetzes trat, die Pein der inneren Entzweiung aufgehoben? Ist das verkündete tausendjährige, Reich, das Reich der Liebe und Gerechtigkeit, das Reich des Friedens aas Erden und des Friedens in der Menschenseele, gekommen, oder auch nur gefördert worden unter denen, die damals die jüdische Lösung des Problems der Kultur verlassen und verächtlich gemacht haben? Möge doch die Geschichte reden. Welchem Kämpfer gebührt der Siegespreis im Wettkampf der Völker? Wie heißt das Volk, das in seiner unerreicht hohen sozialen Gesetzgebung den Trieb zur Selbstsucht überwand, und das keine Parias, keine Heloten, keine Plebejer, keine Sklaverei, keine Latifundienwirtschast und keinen Pauperismus kannte? Wie heißt das Volk, das, nach dem Worte Hermann Lotze's, wie Nüchterne unter Trunkenen war? Wie heißt das Volk, das sich die sittliche Gesundheit und den starken Lebensmut bewahrteder es allein dem Todesrachen der Geschichte entriß, der es allein über die Gräber der Vergangenheit schreiten ließ, wo alle andern Völker in die Gräber stiegen? Wie heißt das. Volk, das nie, solange es sein Gesetz beobachtete, vom kranken, greisenhaften Pessimismus, vom müden Lebensüberdruß, den sichtbaren Zeichen sittlichen Verfalls, erfaßt war? Das sich in seinem wunderbaren jüdischen Familienleben eine Stätte warmen sonnigen Lebensglückes schuf, wohin der Kampf und Unfrieden der Welt nicht drang. Scheint nicht der jüdische Optimismus, die jüdische Lebensfreude, das jüdische Familienglück, in der Tat der Siegespreis zu sein für die jüdische Lösung des Problems der Kultur? 7*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.