Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Das Problem der jüdischen Kultur
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 100 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 100 — Die jüdische Lösung des Problems der Kultur! Nachdenklich und fragend halten wir hier inne. Liegen nicht die Tafeln dieser jüdischen Kultur zerbrochen? Zerbrochen seit dem Eintritt der Juden in die europäische Kultur? — Sind sie zerbrochen durch den Eintritt der Juden in die europäische Kultur, oder erfolgte der Eintritt in die europäische Kultur, so leicht, weil sie zerbrochen waren? Nicht zerbrochen in dem Sinn, als ob das jüdische Leben damals schon sich aufgelöst und nivelliert hätte. Sondern zerbrochen, weil der Zusammenhang zwischen äußerem Tun und innerer Gesinnung einen Bruch erlitten hatte, wie niemals zuvor, weil die lebendige Beziehung des Gesetzes zum sittlichen Leben abhanden gekommen war. Denn das war ja die große Gefahr, die von den ältesten Zeiten an im Hintergründe lauerte: daß man das Mittel zum Zwecke erhob und den Zweck aus den Augen verlor oder gar verkannte und leugnete. Werkheiligkeit hat man es genannt, und alle Großen und wahrhaft Frommen in Israel von den Propheten bis zu den echten Pharisäern, von den Religionsphilosophen bis zu den frommen Sittenlehrern und Predigern des Mittelalters haben solches äußere Tun ohne Beziehung zur Sittlichkeit mit allem Pathos der Entrüstung gegeißelt und mit der scharfen Lauge ihres Spottes übergossen. Aber liegt es am Arzte und dem Heilmittel, oder liegt es am Patienten, wenn er die Verordnung nicht so nimmt, wie sie verordnet wurde? Die einzigartige weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Lebens und sein erzieherischer Wert bleibt, auch wenn der Mißbrauch noch so verheerend gewaltet. Und das ist die fruchtbare Aufgabe der jüdischen Erziehung der Gegenwart, die Verbindung zwischen religiöser Form und sittlicher Lebensaufgabe wieder herzustellen, das Alltagsleben zu heiligen und ein edles jüdisches Selbstbewußtsein neu zu erwecken, wo es unter dem überschätzten Einstuß der europäischen Kultur verloren gegangen ist. Wenn man draußen in der gelehrten Welt und im Jargon der Volksversammlungen unser geistiges Erbe schmählt, müssen