Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Das Problem der jüdischen Kultur
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 98 (sequence 13)
- Language
- German
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— 98 — erkannt, daß die lauernden Feinde des Menschenfriedens: Schwäche, Selbstsucht und Leidenschaft nicht überwunden werden, w.eder durch Verwerfung und Ertötung des natürlichen Daseins, »noch durch bloße Ideen und abstrakte Grundsätze. Sie wußten, daß den Bau der Welt Philosophie nicht zusammenhält. Darum setzten sie nicht den Intellekt zum hilflosen Wächter der Sittlichkeit, sondern bauten mitten in die natürliche Welt des Menschenlebens eine zweite, ideale Welt hinein, fügten zu der ersten Natur des Menschen eine zweite Natur hinzu und suchten, weil sie der ersten, ursprünglichen Natur des Menschen nicht vertrauten, die Sittlichkeit dem Menschen zur zweiten Natur zu machen. Diese zweite Natur, diese ideale Welt inmitten der natürlichen Welt, ist das Gesetz der Thora, ist das jüdische Leben mit seinem tausendfach aus Gewohnheit und Gebräuchen, aus Erinnerungen und Symbolen erschallenden Echo: Beherrsche dich selbst! Wenn der Wahlsprüch des Griechen lautet: Erkenne dich selbst! Wenn der Wahlspruch des Buddhisten lautet: Verneine dich selbst!, so lautet der Wahlspruch des Judentums: Beherrsche dich selbst! Wie aber erlangt man die Herrschaft über sich selbst? Durch die Herrschaft über die Stunde, über den Augenblick. Denn die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben. Darum tritt das Judentum jede Stunde, ja fast jeden Augenblick an den Menschen heran, darum hat es mit hundertfältigem Gesetz das Leben durchflochten, darum hat es tausend Dämme und Zäune gegen den bösen Trieb aufgerichtet, darum hat es den Purpurmantel göttlichen Dienstes um das Haupt des Juden geschlagen. Das ist der Zweck und Sinn des Gesetzes, um dessenwillen es geboten hat, jedes Aufstehen und Niederlegen, jeden Genuß und jedes Leid, jedes Begegnis, jeden sinnlichen Eindruck zu heiligen, d. h. der Sphäre der bloßen Sinnlichkeit zu entziehen und in das -Reich der höheren Welt hinaufzuheben. Da kommen sie mit ihrer griechisch-christlichen Weisheit und reden verächtlich von der „Gesetzlichkeit" des Juden-