Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Das Problem der jüdischen Kultur
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 97 (sequence 12)
- Language
- German
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97 — die Bahn des Lebens tragen, was nützen uns die eingelernten Grundsätze, die im Zwielicht eitler Worte ein armseliges Dasein fristen? Darum ist auch die griechisch-europäische Lösung unseres Problems eine trügerische Weisheit. Der dritte Kämpfer endlich, der Mann, der sich von früher Jugend in der Zügelung der Sinne übte und durch Gewohnheit mehr als andere seine wilden Leidenschaften meistern lernte, der Mann, der die Beherrschung der niederen Natur, der die Enthaltsamkeit zur täglichen Gewohnheit seines Lebens machte und die Gewohnheit zum heiligen Gesetz erhob — der Mann ist das Judentum. Das Judentum hat einen eigenartigen Weg eingeschlagen, um durch Bändigung der niederen Triebe zur Lebensharmonie zu gelangen. Es hat jenen Weg gewählt, den auch ein großer deutscher Dichter als den einzigen Weg zur Sittlichkeit preist mit den Worten: „denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn der eigenen Mäßigung vertrauen. Ihn hält in Schranken nur das deutliche Gesetz und der Gebräuche tiefgetretene Spur." Das deutliche Gesetz und der Gebräuche tiefgetretene Spur! Klingt das nicht aus dem Munde des Dichters wie eine Verherrlichung des jüdischen Weges? Ist das nicht der wesentliche Inhalt und das charakteristische Prinzip der Thora und des Talmuds? Heißt es in diesem Sinne nicht in der Thora: „ihr sollt die Gebote befolgen, auf daß ihr nicht eurem Herzen und euren Augen nachwandelt". Und im Buche „der Weg des Lebens", dem ersten Bande des religionsgesetzlichen Werkes' Schulchan aruch steht das wunderbare Wort geschrieben, das einen tiefen Blick in das Wesen des Gesetzes verrät: „man weihe jeden Genuß, den uns dieses Leben gewährt dadurch, daß man ihn mit dem Dienste Gottes in Beziehung setzt, denn so heißt es: auf allen deinen Wegen achte auf ihn!" Ja, Moses und die großen Lehrer nach ihm wußten, daß man den Sinnen nur dadurch beikommen könne, daß man sie auf Schritt und Tritt bewachte. Sie haben Jahrbuch 1220 7