Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Das Problem der jüdischen Kultur
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 96 (sequence 11)
- Language
- German
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96 Sittliche nur zu wissen brauche, um es zu tun, daß: unser sittliches Verhallen aus unserm sittlichen Erkennen fließe, daß Tugend lehrbar sei. Alle Tugend, sagt Sokrates, beruht auf Wissen, so wie das Böse einzig im Mangel an Wissen oder im Irrtum seinen Grund hat. Wo nur das wahre Wissen sich findet, da ist es auch stets siegreich über alle Leidenschaften und Reizungen zum Bösen. Alles, was mit Wissen geschieht, so behauptet Sokrates, ist gut. Niemand ist mit Wissen schlecht. Aber der .weise Sokrates übersah, daß wir in Wahrheit das Bessere wissen und das Schlechtere tun. Wenn das deutsche Sprichwort mit Recht sagt: durch Lehre klug von hundert keiner, so läßt sich gewiß mit noch größerer Berechtigung sagen: durch Lehre gut von hundert keiner. Es werden nun schon seit mehr als zweitausend Jahren die edelsten Grundsätze der Moral gelehrt. Wir sagen die Grundsätze der Sittlichkeit her wie ein auswendig gelerntes Sprüchlein; unser Kopf ist voll von sittlicher Weisheit, und unser Mund stießt davon über. Aber was hat den Menschen all chr Wissen von der Sittlichkeit geholfen? Hat das Wissen die Selbstsucht aufgehoben und die Leidenschaften? Hat die Bildung des Verstandes die Liebe und die Gerechtigkeit in die Herzen gepflanzt? Hat die intellektuelle Erkenntnis die innere Seelennot des Menschen geheilt, die Entzweiung des Menschen mit sich selbst aufgehoben? Sind wir Wiffende in der Tat die Vollendung der Weltgeschichte geworden? Nein, die Frucht vom Baum der Erkenntnis hat die Menschen nicht in's Paradies geführt. Denn nicht auf das Wissen, sondern auf das Können kommt es an, und das Wissen allein hat die wenigsten noch zu Könnenden gemacht. Wir wissen, daß „des Lasters Bahn ist anfangs zwar ein breiter Weg auf Auen, jedoch sein Fortgang bringt Gefahr, sein Ende Nacht und Grauen". Aber wenn der Sturm der Leidenschaft durch die Seele braust, wie ohnmächtig zeigt sich da all unser Wissen! Wenn die fünf Sinne, wilden Rossen gleich, uns stürmisch durch