Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Das Problem der jüdischen Kultur
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 95 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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95 terne Versuch der indischen Lösung des Kulturproblems durch. Vielleicht auch, wenn Nietzsche recht hat, aus der olympischen Götterwelt, der Welt der Schönheit der Griechen. Wenn nämlich der apollinische Schönheitstrieb nichts weiter ist als die Flucht aus der Zerrissenheit des irdischen Seins. Auch der Grieche kannte und empfand die Disharmonie des Daseins; um überhaupt leben zu können, mußte er vor sie hin die glänzende Traumgeburt der Olympischen stellen. Und so wäre der hellenische Schönheitskult nichts weiter als eine Parallele zu der indischen Weltflucht, die die Sinnlichkeit überwindet, indem sie vor ihr flieht oder sie abtötet. Gewiß, das wäre die einfachste Lösung, die Sinne, die wir nicht zügeln können, einfach zu übersehen oder — zu töten. Aber ist das wirklich eine Lösung? Straft nicht die Wirklichkeit der Dinge diese Lösung täglich Lüge? Der Fürst unseres Gleichnisses, der Gott, der die edlen Sinne geschaffen hat. läßt nicht zu. daß wir dieselben töten. Wir werden nicht fertig mit den Sinnen, und wenn wir. wie jener Mönch in dem erschütternden Roman der Hillern, uns die Augen aus den Höhlen reißen, wir werden nicht fertig mit den Sinnen, und wenn wir, wie der indische Heiland, tausendmaltausend Jahre büßen. Die Sinne leben. Und wenn wir sie bei gesundem Leibe abtöten wollen, so rächen sie sich, indem sie uns quälen und niemals zur Ruhe, zur innern Eintracht kommen lassen. Und so ist gerade das. was wir gesucht haben, die Harmonie des innern Menschen, erst recht verloren. Der zweite Kämpfer, der auf sein Wissen stolze Meister, ist ein Sohn der griechischen Weisheit, die als die letzte und feinste Blüte griechischen Geistes angesehen ist. Es ist die Lösung, die zuerst der weise Sokrates gefunden, und die von den griechischen Philosophen verbreitet wurde. So sehr verbreitet, daß sie seitdem, bis zum heutigen Tage, die gebildete Welt beherrscht. Es ist die trügerische Weisheit, die in alle ethischen Systeme, ja zum Teil auch in die Religionen überging, und die doch ein armer Selbstbetrug ist. Es ist der Glaube, daß man das