Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Das Problem der jüdischen Kultur
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 94 (sequence 9)
- Language
- German
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94 Lie Gewohnheit zur Natur geworden, zu einer Kraft, als wäre sie mit mir geboren. Als ich nun von dem Wettkampf hörte, traute ich dennoch meiner Kraft noch nicht, sondern zog aus nach ferner, wilder Steppe, wo in der Freiheit nie gebändigter Lust sich zügellos die wilden Rosse tummeln. Dort fing ich mir fünf der feurigsten ein und übte an ihnen Tag für Tag meine -Kraft, bis ich nach unablässig fortgesetzter Übung meine Kraft gestählt und mich gewandt gemacht, ihren wilden Trotz nach meinem Wink und Willen zu zügeln. Die -Kraft und Übung, die ich mir da errang, sie ließ mich hier zum Sieger in schwerem Kampfe werden. Soweit das Gleichnis. Die fünf Rosse sind die fünf Sinne, die niedern Triebe und Leidenschaften, die den Menschen zügellos durch die Bahn des Lebens reißen. Der Fürst ist Gott, und seine Himmelstochter, der Siegespreis, ist die innere Einheit, die Harmonie des Lebens. Die drei Kämpfer in der Rennbahn aber sind die drei erwähnten Kulturvölker, die das Problem der Bändigung der niedern Natur, der Bezwingung der innern Seelennot, jedes auf seine Weise, zu lösen versucht haben. Der erste Kämpfer, der durch die Abtötung der Sinne das Leben meistern will, ist der Buddhismus. „Am Irdischen soll man nicht fester hangen als der Tropfen am Lotosblatte", so lautet seine Weisheit; „alle wandelbaren Empfindungen und Begierden soll man abtun und so die Stille der Seele, den tiefen Frieden des Ausgelöschtseins aller Leidenschaften erlangen, das Ausgewehtsein alles irdischen Streüens — Nirwana." Das ist das Ziel und der Weg der großen, tiefen Kultur, die das halbe Asien beherrscht. Alle wunderbare Poesie und alle Wissenschaft der Inder geht von dieser schwermütigen Grundweisheit aus und strebt diesem schattenhaften Ziele zu. Aber nicht nur im Buddhismus sondern auch in mannigfachen geschichtlichen Erscheinungen der beiden andern Kulturen, im jüdischen Essäertum, im Mönchs- und Einsiedler-Aszetismus blickt der schüch-