Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Das Problem der jüdischen Kultur
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 90 (sequence 5)
- Language
- German
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90 Es gibt nur eine Antwort: aus der zwingenden Not des Lebens und dem eingeborenen Menschentrieb, diese Lebensnot zu überwinden. In doppelter Gestalt aber dringt die Not des Lebens auf den Menschen ein, in Gestalt der äußeren Natur, deren losgelassenen Gewalten den Menschen zu hassen scheinen, und in Gestalt der inneren Seelennot, der Entzweiung des Menschen mit sich selbst. Und dieser zwiefachen Not entspricht der zwiefache Trieb im Menschen, der Trieb zur Überwindung der äußeren Natur, der die nützlichen Lebensgüter und der Trieb zur Überwindung der inneren Natur, der die idealen Lebenswerte geschaffen hat. Dieser Doppeltrieb des Menschen ruht verborgen als treibende Kraft im Grunde aller Kultur, und wer tiefer in den geheimnisvollen Werdegang dieser Kultur eindringt, der wird sich von dem verwirrenden Anblick des vielfachen Inhalts der Kultur nicht täuschen lassen, sondern nur noch zwei große Richtungen sehen, in welche alle Kulturentfaltungausläuft, jene zwei Richtungen eben, die dem zwiefachen Menschentrieb nach Überwindung der äußeren und der inneren Not entsprechen. Darin gingen die Kulturen auseinander, ob sie mehr dein Trieb nach Beherrschung der äußeren Not folgten und darum vorwiegend Nützlichkeitswerte oder ob sie mehr dem Trieb nach Beherrschung der inneren Natur folgten und darum vorwiegend ideale Werte schufen. Vorwiegend, sage ich. Denn beide Triebe gingen nicht in der Weise gesondert nebeneinanderher, daß nun etwa bei einem Kulturvolk der eine, beim andern der andere Trieb die ganze Kulturentfaltung ausschließlich beherrschte. Das ist unmöglich. So in Bestandteile zerlegbar ist die einheitliche. Menschennatur nicht. Nur in der abstrakten Welt der Begriffe liegen die Fächer und Kategorien reinlich geschieden nebeneinander, niemals in lebendigen Organismen. Nein, darin nur zeigten die Völker ihre Eigenart, daß der eine oder der andere Trieb im Zentrum der Kulturentfaltung lag und darum tiefer und kraftvoller ausgebildet war.