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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1920-01-01 · 23 (1920) · p. 89

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
23 (1920)
Article
Das Problem der jüdischen Kultur
Date
1920-01-01
Page
89 (sequence 4)
Language
German
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89 Industrie und Technik, sondern auch Kunst und Wissenschaft in die Peripherie des Daseins hinausgeschoben war und ein ganz anderes Interesse im Zentrum lag? Wer müßte sich nicht bedenken, Ostasien der Kulturlosigkeit zu zeihen, weil dieses gerade im Verzicht auf alle von uns hochgeschätzten Kulturgüter den letzten Sinn uyd höchsten Grad der menschheitlichen Entwicklung erblickt? Scheint nicht, angesichts dieses bei allen selbständigen Völkern verschiedenartigen Inhalts der Kultur, der eine Name Kultur in der Tat beinahe unzutreffend für so verschiedenartige Inhalte? Oder sollte sich der Name „Kultur" gar nicht so sehr ans den äußern Inhalt der Kultur beziehen, als auf etwas dahinter Liegendes, Tieferes, Ursprünglicheres, woraus der äußere Inhalt der Kultur erst als etwas Abgeleitetes, Zweites, Folgendes sich ergibt? Etwa wie die Frucht aus dem Keime wächst, wie der Strom aus der Quelle entspringt? Wie, wenn in der Tat der wechselnde Inhalt der Kultur nur wechselnde äußere Erscheinung wäre für ein Bleibendes, gemeinsam aller Kultur zu Grunde Liegendes? Für einen gemeinsamen Ausgangspunkt? Wie, wenn es bei allem wechselnden Inhalt ein Bleibendes gäbe, was allen Völkern gemeinsam wäre. einen Quell, aus welchem alle Ströme fließen, einen Ausgangspunkt, von welchem alle Richtungen auslaufen, und wenn gerade dieses eine Gemeinsame das wäre, worauf es im Grunde ankommt? Wir machen lange -Halt vor dieser Frage, die erst wie eine schüchterne Ahnung unsere Seele streift, aber immer greifbarere Gestalt gewinnt, je länger wir davor stehen bleiben. Wie heißt die im Grunde aller Kultur wirkende und schaffende Kraft? Wodurch ist alle Kultur mit ihrem je nach der Volksindividualität so wechselvollen äußeren Inhalt entstanden? Was ist das treibende Motiv und der letzte Zweck aller Kulturentfaltung? Woraus sind alle Lebensgüter und Lebenswerte gewachsen: Industrie und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft, Staat und Gesellschaft, Sitte, Recht und Religion?

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