Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Welt und Haus des deutschen Juden im Mittelalter
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 77 (sequence 17)
- Language
- German
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— 77 Rabbiner führte den Bräutigam unter Musik und Fackel-- beleuchtung in den Vorhof des Gotteshauses. In ähnlicher Weise wird die Braut geholt. Mit dem Damenflor angelangt, wird sie vom Rabbiner dem Bräutigam zugeführt, der ihr die Hand reicht. Die Anwesenden bestreuen das junge Paar mit Weizen und wünschen reichen Ehesegen. Nachdem das Brautpaar einige Zeit im Gotteshaus geweilt hat, wird die Braut nach Hause geleitet, wo sie über ihre Kleidung das Röckle anlegt, sich mit dem Schleier verhüllt und mit den Kürsen, einer Art Pelzwerk,, schmückt. Der Bräutigam bedeckt sein Haupt mit der Gugel., Später tritt er in die Nähe des heiligen Schreins. Während er dem Morgengottesdienst beiwohnt, findet das „Flechten" der Braut statt, wobei ihr Ringe u. a. geschenkt werden. Darauf wird sie mit Musik bis arr die Synagogentüre geleitet. Dort weilt sie bis zum Schluß: des Gottesdienstes. Der Rabbiner führt den Bräutigam, auf den Almemor und streut ihm einige Flocken Asche aufs Haupt. Dann wird die Braut geholt und zur Rechten des Bräutigams gestellt. Die Verwandten bedecken das Haupt des Bräutigams mit dem Zipfel der Gugel, das der Braut mit dem Schleier. Der Rabbiner spricht die Segenssprüche, wobei er nach Osten blickt. Da aber, wo er von dem bevorstehenden Glück redet, wendet er sein Gesicht dem Paare zu. Die Brautleute trinken vom Segenswein, worauf der Rabbiner dem Bräutigam das Glas gibt. Dieser wirft es nordwärts an die Wand, daß es zerschellt — ein Klang der Mahnung auf der Höhe des Glücks! Das junge Paar wird in das Hochzeitshaus geführt. Hier verzehrt es gemeinsam das erste Mittagessen, ein Ei und eine Henne. Später schreitet die Gesellschaft zur gemeinsamen Tafel. Daß die jüdische Küche zu Ehren kam, ist selbstverständlich: Fische mit den berühmten Saucen, Pasteten, Braten, Mandelgebäck, Krapfeln und Naut sowie ausgesuchtes Dessert zierten die Tafel. Meistens wurden Hochzeiten in dem Gemeinde-Brauthaus, auch Tanz- oder Spielhaus genannt, gefeiert. Der Spaßmacher, fahrende und spielende Weiber fehlten nicht