Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Welt und Haus des deutschen Juden im Mittelalter
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 69 (sequence 9)
- Language
- German
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— 69 \ nicht ins Land, bevor nicht den Armen Weizen, Mazzen und entsprechende Lebensmittel verabreicht waren; ja für den Ausgang des Pessach existierten einige Brotstiftungen. Man spendete für Jerusalem, auch für Elementarfchulen deutscher Gemeinden. Das, was man für die Talmudjünger, besonders aber für den Jugendunterricht gab, war mehr als bedeutend.") Diese edle Hilfsbereitschaft zeugt von der Blüte der Gemeinde, von der Hochherzigkeit ihrer Mitglieder, die dort Judenbürger werden konnten. Wie bald aber wurde diese Blüte vom Fanatismus zertreten! Unter den in der sogenannten Rindfleisch-Verfolgung heimgesuchten 140 fränkischen und anderen Gemeinden war auch Nürnberg. Am 20. August 1298 wurden dasebst 800 Israeliten erschlagen. Darunter waren die beiden Rabbiner: Jechiel mit Frau Hanna und drei Kindern und der berühmte Mardochai ben Hillel mit Frau Selda und fünf Kindern. Wir staunen über die bewiesene Todesverachtung und bewundern die Seelenstärke, die Marter und Tod ertrug. Wo war die Quelle dieser Kraft? Sie war die Frucht der Erziehung und des Unterrichts. Das führt uns aus der von Hatz erfüllten Welt wieder zurück in das jüdische Haus. Darum wollen wir uns vergegenwärtigen, wie Erziehung und Unterricht in der Zeit geübt wurden, da die beiden Märtyrerrabbiner in der alten Reichsstadt Nürnberg noch ihres Amtes walteten. Jüdische Schlummerlieder sind es, mit denen die Mutter das Kindlein in den Schlaf wiegt. Kaum kann es lallen, werden ihm Segenssprüche und das Sch'ma jisroel eingeprägt, das sein Losungswort für die Welt der Arbeit und des Kampfes werden soll. Zart noch, findet es Aufnahme in die Schule. — Es ist Pfingsten. Wir treten im Geiste in die mit frischem Grün geschmückte Synagoge. Hier sind vor Beginn des Gottesdienstes 5—6 Jahre alte Kinder versammelt, die mit hell leuchtenden Augen auf den Lehrer blicken, der sie in die Schule aufnehmen soll. Er zeigt aus eine Pergamenttafel, auf der das hebräische Alphabet und Bibelverse verzeichnet find. Beides wird dem Kinde vor- und rückwärts vorgesagt, worauf