Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Welt und Haus des deutschen Juden im Mittelalter
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111112-3115043--6141-3115122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66 Der Geist, der in den Akademien des Mittelrheins gepflegt und gestärkt wurde, ist mit uns durch die Zeiten gegangen, hat den Willen gekrästigt, zu leben und zu wirken, hat das Haus durchwärmt und geweiht. Wir betreten in Köln klassischen Boden. Die Anfänge seiner Geschichte verlieren sich in der Sage. In der römischen Zeit gewinnt die Metropole des Niederrheins Bedeutung, vermag aber an Pracht und Größe Trier nicht zu erreichen. Später Bischofssitz geworden, zur Residenz einzelner Frankenfürsten erwählt, dann von seinen Patriziergeschlechtern zu Reichtum und Ehren gebracht, eiferte es in Kunst und Wissenschaft, in Handel und Industrie so kraftvoll mit den Schwesterstädten, daß Jahrhunderte hindurch das Sprichwort galt: „Wer Köln nicht gesehen, hat Deutschland nicht gesehen!" Sein Handel blüht, seine Handwerker leisten Künstlerisches, an seiner Universität floriert die Wissenschaft, und die bildende Kunst hat hier hervorragende Vertreter. Wir suchen im Geiste Köln zu der Zeit auf, da es das Emporium des bürgerlichen Lebens und Schaffens ist. Kölns Juden, die geschichtlich zuerst 321 n. Ehr. nachzuweisen sind, 9) wurden unter dem Szepter römischer Cäsaren und den Merowingerkönigen milder behandelt, als unter dem Stabe der geistlichen Macht, die selbst Könige knechtete. Konzilienbeschlüsse und kanonische Gesetze richten die ersten Scheidewände auf, sind aber doch nicht stark genug, die Sonne der Gunst ganz. fernzuhalten, wie dies u. a. aus dem Verhalten der fränkischen Kaiser zu entnehmen ist. — Der mit der deutschen Städtegründung eintretende Aufschwung in Handel und Verkehr kommt auch den Juden zu gute. Noch haben sie in ihrer Beschäftigung freie Wahl. Sie pflegen Landbau, Handwerk und Schiffahrt. Der Abstand im gesellschaftlichen Leben ist kein großer, ja selbst Geistliche verkehren in jüdischen Häusern. Die Juden haben gleiche Kleidung, gleichen Putz, gleiche Lebensgewohnheiten und gleiche Sprache mit den Christen. Volle Handelsfreiheit und unbeschränkter kaufmännischer Verkehr ist ihnen gewährt. Von der Bedeutung jüdischer Kaufleute dieser Zeit berichtet ein arabischer Schriftsteller: