Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Welt und Haus des deutschen Juden im Mittelalter
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 65 (sequence 5)
- Language
- German
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65 er die Führerrolle in Deutschland und Frankreich und zog wißbegierige Jünglinge von nah und fern in ihre Hallen. Das den rheinischen Hochschulen — unter ihnen besonders auch der in Worms — gespendete Lob, daß von ihnen die Lehre für ganz Israel ausgegangen sei, galt durch Jahrhunderte. Von R. Gerschom, dieser Sonne am Geisteshimmel, borgten zahlreiche Sterne erster Größe ihr Licht. Wollten wir ein vollständiges Bild des geistigen Schaffens dieser Periode zeichnen, wir müßten die hunderte von Entscheidungen hochangesehener Lehrer schildern, von den synagogalen Dichtern und Sittenlehrern, von den Ritualien und Verordnungen reden, die für die Judenheit bestimmend wurden. Mit Recht nennen 1084 die nach Speyer Geflüchteten ihre Vaterstadt Mainz „die älteste, gepriesenste und bewährteste Gemeinde unter allen Gemeinden des Reichs"*). Ein Chronist des 12. Jahrh. rühmt von Mainz: „Es lassen sich nicht mit eiserner Feder in die Buchrolle die Menge seiner Werke einzeichnen. An einem Orte waren vereinigt: Thora, Größe, Reichtum, Ehre, Weisheit, Demut und Wohltun"7). Und Elieser ben Nathan, der als Dreizehnjähriger, die Schreckenstage des 1. Kreuzzugs mit erlebt hat, klagt später: Mehr als Gold und glänzendes Geschmeide War't ihr Mainzer hochgeschätzt. Ach mein Herz, es klagt im Leide, Daß zu Tode ihr gehetzt. Euch, die Gottes Wort verkündet, Zierden hoher Wiffenschaft, Die ihr's einsichtsvoll ergründet, Hat das Schwert hinweggerafft; Wer wird ferner uns erklären, Wie ihr's Tag und Nacht gepflegt. Das Geheimnis unsrer Lehren, Welche liebend ihr gehegt. Führ' den Streit nun meines Lebens, Herr! Sieh auf den Opfermut, Daß für Zion nicht vergebens Hingeströmt unschuldig Blut 8). Kahrbuch 1920. 5