Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Welt und Haus des deutschen Juden im Mittelalter
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 63 Wollen wir die Synagoge und den Friedhof in Worms besuchen und in der Mitte des 14. Jahrhunderts einen Sabbat in Trier verbringen. Im letzten Viertel des erwähnten Jahrhunderts folgen wir einer Einladung des Mainzer Rabbiners zum Seder. Später weilen wir in München als Hochzeitsgäste. In der alten Krönungsstadt Frankfurt werden wir im 16. Jahrhundert an einem geselligen Vergnügen am Gesetzfreudenseste teilnehmen und von dort eine kleine norddeutsche Residenz aufsuchen, in der ein liebliches Bild uns an die Schwelle der Neuzeit führen und unseren Rundgang beschließen soll. Am 19. Februar vollendeten sich 829 Jahre seit jener denkwürdigen Stunde, in der Kaiser Heinrich IV. eine Vertretung der Juden in Speyer, wo er damals Hof hielt, in Audienz empfing. Festlich geschmückt standen drei ehrwürdige Israeliten vor ihrem Herrn. Treuer als Geistliche und Fürsten hatten die Juden in den Zeiten politischer Wirren zu ihm gehalten und die kaiserliche Zuneigung erworben. Huldvoll nahm er die Deputation aus und hatte bei all' seinen morgen freundliche Worte für diejenigen, denen er ein Zeichen seiner Dankbarkeit geben wollte. Aber nicht nur von der Gewährung von Vorrechten sprach der Kaiser, er zog auch den Sprecher der Deputation, den würdigen, hochgelehrten Juda ben Kalonymos, in ein längeres Gespräch, lenkte die Rede «uf Handel und Wandel, auf Verkehr und öffentliches Leben und — wenn wir einer alten Überlieferung trauen dürfenx) — fragte er Juda, was er von dem Prachtbau des Domes, der vom Audienzsaal zu sehen war, halte, ob er mit dem Tempel Salomos, zu vergleichen sei. Da wagte der Gelehrte, bescheiden und mannhaft, seinen Kaiser hinzuweisen auf die Dauer der Arbeitszeit an dem salomonischen Tempel, auf die große Zahl der Arbeiter Und Künstler, die unermeßlichen Schätze an Gold, die der Lempelbau erfordert hatte. In dem glaubensstarken Juden ward die Erinnerung lebendig an die glanzvolle Vergangenheit, die Hoffnung auf eine ruhmreiche Zukunft durch den Geist des Friedens, der einst das nationale Heiligtum errichtet und geweiht hatte. — Wie