Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Die Entstehung der Psalmen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 55 (sequence 30)
- Language
- German
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aber sind grundlegende Stimmungen israelitischer Religion überhaupt, die hier nur besonders kräftig hervortreten. Ähnliches liegt natürlich auch anderen Kulturreligionen zugrunde und tritt z. B. auch in babylonischen und ägyptischen Götterhymnen zutage. Auch die Heiden wissen von ihren Göttern mit hohen Worten zu reden, und hier und da scheint Israel von ihnen gelernt zu haben; so ist es z. B. wahrscheinlich kein Zufall, daß der wunderschöne Sonnen-Hymnus des Reformator - Königs Amenophis IV mit dem bekannten Schöpfungshymnus Ps. 104 deutlich übereinstimmt. Dennoch ist es für die Religion Israels bezeichnend, daß sie gerade im Hymnus eine ihrer bezeichnendsten Offenbarungen gefunden hat, und daß gerade die genannten Grundstimmungen darin so starken Ausdruck finden. In babylonischen Gedichten wird dem Lobpreis sehr häufig die Bitte hinzugefügt: man schmeichelt dem Gott, um von ihm etwas zu erlangen. Auch die israelitischen Psalmen kennen das Bitten nur allzugut, auch hier tritt das Wünschen und Begehren menschlicher Bedürftigkeit — wie sehr! — hervor, und manchmal will uns des Flehens und Schreiens vielleicht zu viel werden. Aber alles dies hat im hebräischen Hymnus keine Stätte! Der Lobpreisung Gottes setzt er im allgemeinen eine Bitte nicht hinzu! Es ist also im Unterschiede von heidnischen Religionen eine uninteressierte Frömmigkeit, die hier redet. Der Hymnus Israels kommt dem tiefsten und edelsten Bedürfnis aller wahren Religion nach, im Staube anzubeten vor dem, was über uns ist. Daher hat der hebräische Hymnus in der Betrachtung des Menschlichen eine großartige Objektivität. Wenn er z. B. beschreibt, wie Gott nach seiner Allmacht unter den Menschen schaltet und waltet, wie er die Reichen arm macht und die Armen reich, so erfüllt das die Herzen nicht mit Trauer über die Vergänglichkeit alles Menschlichen, sondern vielmehr mit Jubeln über Gottes Macht! Der Hymnus schaut die Dinge nicht vom Standpunkt des Menschen, den die Woge hebt und senkt, sondern von dem Gottes, der stürzen und erhöhen kann nach seinem Wohlgefallen. Nun