Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Die Entstehung der Psalmen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 46 (sequence 21)
- Language
- German
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46 trotz aller Bemühungen zu keiner sicheren Psalmendeutung . hat kommen können. Soll es fortan besser werden, so müssen wir lernen, Gattungen in den Psalmen zu unterscheiden. In welchen Fällen dürfen wir nun Gedichte zu einer Gattung zusammenstellen? Zunächst müssen solche Lieder durch gemeinsanie Grundgedanken, besonders durch eine alles Einzelne tragende Grundstimmung verbunden sein; und diese Ähnlichkeit der Gedichte in ihrem geistigen Gehalt muß so groß sein, daß auch der Nichtkenner ihre Verwandtschaft, sobald sie ihm nur gezeigt wird, ohne weiteres einsieht. Sodann muß in ihnen eine gemeinsame Formensprache hervortreten. Bei allen Völkern älterer Kulturstufe spielt die Sitte eine bei weitem größere Rolle als unter den entwickelteren Kulturvölkern, in denen der Einzelne größere Rechte für sich in Anspruch nimmt und sein Leben mehr nach der eigenen Überzeugung als nach dem Urteil seiner Umgebung einzurichten bestrebt ist. Und diese Eigentümlichkeit der älteren Kulturvölker spricht sich auch in ihrem Schrifttum aus: auch hier gibt es mehr als bei den Schriftstellern der Gegenwart altererbte Formen, in denen ein bestimmter geistiger Inhalt in herkömmlicher Weise ausgedrückt wird, Formen, die wir mit dem Namen „Stil" bezeichnen. Für die älteren Kulturen ist also eine große Strenge und Sicherheit des Stilempfindens bezeichnend. Damals hat man sich in vielen Fällen mit dem hergebrachten Stil auch da begnügt, wo eine spätere Zeit einen persönlichen Ausdruck vorziehen würde. So erklärt es sich, daß in der hebräischen Literatur bei der Feststellung einer Gattung neben dem gemeinsamen Inhalt auch nach der vorherrschenden Form, nach dem „Stil der Gattung" gefragt werden muß. Nun ist freilich unter den alttestamentlichen Forschern von solcher Formensprache hebräischer Gattungen bisher so gut wie gar keine Rede gewesen. Auch wird man es begreiflich finden, daß die bisherige Theologie ihre ganze Aufmerksamkeit dem religiösen Inhalt geschenkt hat; zudem haben die deutschen Gelehrten, in deren Hand im letzten