Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Die Entstehung der Psalmen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 40 (sequence 15)
- Language
- German
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40 Oder wenn ein Mord von unbekannter Hand geschehen ist und sich die Leiche auf dem Lande gefunden hat, so sollen sich die Ältesten der benachbarten Ortschaften an die Mordstätte begeben, einer jungen Kuh das Genick brechen und dabei in fest bestimmten Worten ihre Unschuld bezeugen: „Unsere Hände haben dies Blut nicht vergossen, und unsere Augen haben es nicht gesehen". Solches Zusammensein des heiligen Wortes und der heiligen Handlung findet sich überall auf Erden, wo es überhaupt einen Kultus im Sinne des Altertums gibt. Unsere Zeit mit ihrem Dringen auf den geistigen Inhalt ist im ganzen den Sinnbildern und sinnvollen Handlungen nicht günstig und hat von den weltlichen und geistlichen Symbolen den größten Tell dahingehen lasten. Doch sind gewisse Reste erhalten. So sind aus dem ganzen reichen Schatz eines älteren Zeitalters noch einige solcher heiligen Handlungen in den christlichen Kirchen übergeblieben; wir nennen sie „Sakramente"; und auch bei ihnen ist noch völlig deutlich, daß hier das Wort zu der Handlung hinzu kommen muß. Und auch das wiederholt sich überall, daß man die Form derartiger Worte nicht der Eingebung des Augenblicks überläßt, sondern daß sie, seit Urzeit überliefert, eine feste Prägung aufweisen. Ganz natürlich ist dabei auch dieses, daß diese Prägung in rhythmischer Gliederung zu bestehen pflegt. Nur in poetischer Bindung ist das Wort nach der Auffassung des Altertums eindrucks- und wirkungsvoll. Und solche rhythmische Form ist besonders da notwendig, wo sich ein großer Kreis von Menschen gemeinsam aussprechen will, ohne in wüstes Durcheinanderschreien zu verfallen. Daher ist der Kirchengesang noch gegenwärtig in allen Bekenntnissen Brauch, so wenig auch die Erwachsenen unserer Tage, es sei denn in rein künstlerischer Absicht, sonst zu singen pflegen. So ist das gemeinsame Singen der Festgemeinde auch im alten Israel Sitte gewesen; und solche Gesänge des am heiligen Tage und am heiligen Platze versammelten Volkes sind, namentlich in späterer Zeit, die erhebendsten Erlebnisse auch des Einzelnen ge-