Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Die Entstehung der Psalmen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 38 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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38 befremdet, die aber Wohl jeder kennt, der das ganze- Buch hintereinander genau gelesen hat; das ist die eigentümliche Formelhaftigkeit vieler, freilich durchs aus nicht aller unter diesen Gedichten. Es gibt im Psalter eine Fülle von „Klageliedern", in denen der Leidende sein Herz vor Gott ausschüttet, und von „Dankliedern", in denen der aus großer Not glücklich Gerettete dem hilfreichen Gott seinen Dank abstattet. Hier wäre doch die Stätte gewesen, wo der Einzelne seine persönlichsten Erlebnisse und Erfahrungen hätte aussprechen können. Aber wie wenig ist davon die Rede! Wie viele Dichter — wir sprachen schon davon — begnügen sich mit ganz allgemeinen Hinweisungen und Andeutungen! Wie ähnlich sind infolgedessen viele dieser Dichtungen untereinanderk Man entgegne nicht, das sei eben eine Eigentümlichkeit der Lyrik überhaupt oder der hebräischen insbesondere. David kann doch in seinem Leichenliede Saul und- Jonathan mit Namen nennen; warum kommt in den. Psalmen kein einziger Personenname vor? Die Erklärung dieser seltsamen Erscheinung liegt zunächst eben darin, daß diese Dichtungsart aus dem Gottesdienste herrührt. Wir mißverstehen und mißhandeln solche Gedichte, wenn wir in ihnen zu allererst die Ergüsse individueller Frömmigkeit sehen; denn in Wahrheit sind sie ursprünglich gottesdienstliche Formulare oder kommen davon her. Wir werden uns vorstellen dürfen, daß die Priester dergleichen Formulare am Heiligtum aufbewahrt haben, damit sie bei passenden Gelegenheiten Verwendung finden konnten. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, daß hier der einzelne Fromme von feinen Schicksalen und Wünschen weniger deutlich redet, als wir eK vielleicht erwartet hätten, sondern daß sich die Dichter begnügt haben, dasjenige hervorzuheben, was auch anderen ohne weiteres zugänglich ist. Und wenn sich nun doch hier und da eigenste Herzenstöne finden, s» werden wir darin eine besonders hohe religiöse und poetische Kraft erblicken, die sich über das Schema erhebt. So folgt, daß wir mit unserer Untersuchung über die Entstehung der Psalmen nicht bei jenen Ausnahmen»