Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Die Entstehung der Psalmen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 32 (sequence 7)
- Language
- German
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32 Dazu zum Schuß der Mangel fast jeder glaubwürdigen Überlieferung über die Dichter, die Anlässe, die Zeiten der Entstehung! Hätten doch die Männer, denen die Vorsehung die Aufgabe, diese Kostbarkeiten zu sammeln, anvertraut hatte, besser für die Nachwelt gesorgt und uns einige Andeutungen über das Verständnis dieser Lieder hinterlassen! So aber sind wir von der Tradition fast völlig im Stich gelassen und müssen diese Lücke aus Eigenem ergänzen. Nach alle diesem wird es verständlich, daß noch gegenwärtig die Erklärung der Psalmen ein wirres unb krauses Bild bietet. Um dafür ein besonders auffallendes Beispiel zu geben: die im Psalter nicht ganz seltenen Königspsalmen werden von einem Teile der Erklärer auf Könige Israels oder Judas bezogen, von anderen auf die Herrscher eines fremden Weltreichs, etwa seleucidische oder ptolemäische Könige, wieder von anderen auf makkabäische Priesterfürsten, die seit 105 v. Ehr. den Titel von Königen angenommen hatten; gelegentlich wird auch ein solches Lied als ein „Pseudepigraphon", d. h. als ein späteres Erzeugnis zur Verherrlichung und im Namen des alten David gedichtet, aufgefaßt. Eine fünfte Deutung behauptet, der „König" dieser Gedichte sei der Herrscher der Zukunft, der „Messias". Und eine sechste, die gerade in der Gegenwart von einflußreichen Forschern vertreten wird, meint gar. dieser „König" sei überhaupt keine einzelne Person, sondern eine Personifikation Israels, der Gemeinde, auf die Davids Erbschaft übergegangen sei. Und um die Verwirrung voll zu machen, werden hier und da von denselben Gelehrten die verschiedensten Deutungen bei den verschiedenen Königsgedichten aufgestellt. So ist es nicht verwunderlich, daß auch jetzt noch die seltsamsten Jrrtümer über die Deutung der Psalmen an der Tagesordnung sind, ja, gelegentlich, z. B. in der sonst verdienten Übersetzung des Alten Testaments durch Kautzsch, als „Ergebnisse der Wissenschaft" ausgegeben werden. Dahin gehört vor allem der sonderbare Einfall, das „Ich", das in den Psalmen sn häufig auftritt, sei nicht — was wir bei jeder anderen