Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Die Entstehung der Psalmen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 31 (sequence 6)
- Language
- German
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31 Schwierigkeiten hat ferner gemacht die starke, über-- strömende Leidenschaftlichkeit desalten Israeliten, die dem modernen Menschen in seiner Objektivität, in der Nüchternheit und Ruhe seines Geistes nicht recht eingeht. Kein Gegenwärtiger könnte etwa sagen, er sei schon tot gewesen und aus dem Tode errettet, wie es die Danklied-Dichter Israels häufig tun. Daher steht der moderne Erklärer den leidenschaftlichen Übertreibungen, von denen hebräische Dichtungen voll sind, manchmal ratlos gegenüber Dder greift, um sie zu deuten, zu den seltsamsten Auslegungen. Die Verfasser der Königslieder haben sich nicht gescheut, ihrem Herrscher, dem Könige des armen, kleinen Juda, das Weltreich zuzusprechen; dem Modernen, der einen so hochgespannten Enthusiasmus nicht begreift, erscheint das als völlig unverständlich, weshalb gerade diese Königsgedichte bis auf diesen Tag aufs grausamste mißdeutet worden sind. Dazu die eigentümlichen Nöte, in welche die Forschung durch die Vieldeutigkeit der hebräischen Tempora gerät. Das sogenannte „Perfektum" bedeutet die feststehende Vergangenheit, aber auch die Gegenwart und schließlich auch die sicher erwartete Zukunft, das „Imperfektum" die Zukunft, die fortdauernde Gegenwart und kann —> was wir neuerdings deutlich erkannt haben — auch die Vergangenheit, von der man erzählt, bezeichnen. So wird es verständlich, das noch heutzutage die Erklärer manchmal selbst z. B. darüber schwanken, ob ein Gedicht als eine Klage über gegenwärtige Not oder als ein Dank für glücklich überwundene betrachtet werden muß. Ferner ist zu bedenken, daß die Psalmen oft sehr kurz sind. Es hat mit zur Geistesart des alten Israel gehört, daß seine Künstler die tiefsten und feinsten Wirkungen zu erzielen wußten in engstem Rahmen. Ihre Gedichte sind häufig um so schöner, je kleiner sie sind. Aber freilich eben darum für uns um so schwieriger zu verstehen! Umfangreichere Dichtungen würden dem Versuche, in sie einzudringen, weniger widerstehen, da die einzelnen Stellen sich untereinander erklären würden.