Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Die Entstehung der Psalmen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 30 (sequence 5)
- Language
- German
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30 — zunächst, worin die besonderen Schwierigkeiten des Verständnisses gerade der Psalmen bestehen. Sie erwachsen zunächst aus der eigentümlichen Art der Redeweise hebräischer Dichtung. Das alte Israel ist stark in der Kraft seiner Anschauung, in der Tiefe seiner Empfindung, aber es ist weniger als etwa die Griechen begabt in der Logik seines Denkens. Zumal hebräische Dichtung bewegt sich in sehr kurzen Sätzen, in denen oft ein lebhaft angeschautes Bild, ein tief empfundener Gedanke aufs knappste zusammengefaßt ist, die aber nicht selten ohne jede Bezeichnung der logischen Verbindung nebeneinander gestellt sind. Der Hebräer sagt etwa „Der Herr ist mein Hirte, mir mangelt nichts"; der Grieche würde hier ausgedrückt haben, daß das zweite Wort eine Folgerung aus dem ersten ist; der Hebräer läßt ein „deshalb" aus. So gleichen die Psalmen manchmal einem Glockenspiel; kraftvoll und großartig erschallen die einzelnen Töne, aber jeder erklingt für sich; und es ist nicht leicht, die Verbindung, in der sie nach Absicht des -Künstlers stehen sollen, also die Melodie, die das Einzelne zur Einheit zusammenschließt, heraüszuhören. Dazu kommt, daß die hebräische Dichtung und insbesondere die der Psalmen eine unbestimmte Redeweise liebt. Genauer zu sprechen würde damals allzu nüchtern erschienen. sein. Der Klagelied-Dichter redet etwa von seinen vielen Feinden; aber er sagt nicht, welcher Art sie sind; den Zeitgenossen war das, auch ohne jede weitere Erklärung, deutlich. Wir freilich müssen fragen: sind es Gegner seiner Religion, seines Volkes, seiner Person? und wenn es persönliche Feinde sind, weshalb befehden sie ihn? was mögen sie gegen ihn haben? Oft erfahren wir darüber aus dem Texte selber so gut wie nichts. — Oder der Dichter begnügt sich, in allerlei Anspielungen und Bildern zu reden, die uns Spätgeborenen nicht ohne weiteres verständlich sind. Er versichert etwa, die Feinde hätten ihm Schlingen gelegt wie die Jäger dem Wilde; was mögen sie gegen ihn getan haben? Oder er sagt, er befinde sich schon in der Unterwelt; sicherlich ein Bild, aber wofür?