Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Die Entstehung der Psalmen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 29 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111112-3115042--6103-3115085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
29 — verständlich erscheint; anderes legt er sich zurecht, so gut es gehen mag, und gar zu Fremdartiges läßt er einfach bei Seite. Die Wissenschaft aber hat ein höheres Ziel und eine strengere Aufgabe. Sie will den Text so und nicht anders auffassen, als ihn der Verfasser selber gemeint hat. Mag eine Deutung, wie sie sich an die Psalmen so vielfach angeschlossen haben, unserm Herzen noch sonahe stehen, mag sie auch durch uralte Überlieferungen . der religiösen Gemeinschaften, der Kirche oder der Synagoge, ehrwürdig geworden sein: über alles dieses sieht der Forscher hinweg; er will nur das Eine, den ursprünglichen Sinn. Daß eine solche Aufgabe außerordentlich schwierig ist, liegt am Tage. Wie viele Selbstüberwindung hat der- Forscher dabei nötig! Er soll nicht hören auf die Stimmen um ihn her, die ihm — wie er sehr wohl weiß — zujubeln, wenn er die allbeliebte Auslegung vertritt,, und die ihm ihre Abneigung, ja, ihren Haß deutlich machen, wenn er ihr widerspricht.. Und nicht nur seine Mitwelt, auch sich selber soll er vergessen; er soll nichts aus sich selber reden, sondern nur der Mund der alten Texte werden, durch den sie zu der Gegenwart sprechen.. Er soll sich über den Abgrund von Jahrtausenden hinüberschwingen können in jene längst vergangene Vorzeit E Frühere Geschlechter haben dies Ziel der Auslegung überhaupt nicht oder wenigstens nicht in dieser Strenge gekannt. Zu Bewußtsein gekommen ist es unserer Forschung erst auf deutschem Boden im 19. Jahrhundert. Aber eben die Männer, die es uns gezeigt haben, die großen idealistischen Denker, Dichter und Geschichtsforscher des deutschen Volkes, haben uns auch die Kraft verliehen, ihm nachzustreben. Es ist, wie wenn der geschichtlichen Forschung so Flügel gewachsen wären, aus unserer, soanders gestalteten Zeit hinüberzufliegen in uralte Tage, auch in die des alten Israel. Diese wahrhaft geschichtliche Forschung findet nun in den Psalmen ein besonders lohnendes, aber auch besonders schwieriges Arbeitsgebiet. Vergegenwärtigen wir uns