Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5679
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 tritt in besonders häßlicher Gestalt zutage in den von den blödesten Lügen strotzenden, im schmierigsten Mistgabelstil gehaltenen Pogrom-Flugblättern. Sogar zum Masseneinkauf von „Gummischläuchen" für Merfallzwecke ist es gekommen. Die Veranstalter dieser inneren Kriegsrüstung hatten den teuflischen Humor, zu versichern, die Gummischläuche seien nur zur „Verteidigung" gegen die Juden angeschafst. Eine groteske Verzerrung der alten Fabel vom Wolf und Lamm am Bache. Die Aufrichtung der Republik hat im deutschen Reiche und in den Einzelstaaten, bei allem ehrlichen Willen der Reichsregierung und der Landesregierungen, den Juden nur die Berufung einiger ganz besonders geeigneter Männer in verantwortungsvolle Ämter, die Ernennung einiger vordem ungerechterweise zurückgesetzten Gelehrten zu Professoren eingebracht, dafür aber auch den gesteigerten Haß der reaktionären Parteien. Und wenn es noch ein ehrlicher Haß wäre! Nein, gemeine Berechnung, Spekulation auf die niedrigsten Massentriebe, auf die Raubgelüste ist es, was einige Geschäftsführer der Reaktion, — zum Abscheu der reinlichen Monarchisten selbst — zu dem Versuch veranlaßt, die Juden als nächsten, bequemsten Vorwand zu gebrauchen, um die Sturmböcke gegen die neue, noch nicht gefestete Staatsordnung in Bewegung zu setzen. Hat doch ein hoher Offizier aus der Umgebung des Kaisers Wilhelm mit rührender Offenheit freimütig bekannt, er habe den Kaiser angefleht, nicht abzudanken, sondern nach Berlin zurückzukehren und, als Mittel der Blitzableitung, den „Kampf gegen die Juden" verkünden zu lasten. Als Blitzableiter wollen auch viele der Kriegsgewinner und Spekulanten die Juden vorschieben, und eine gewisse Gruppe der äußersten Linken sieht mit Behagen den antisemitischen Pogromhetzen zu, weil ihr eben jeder Anlaß zum Tumult, zum Ausbruch der inneren Wirren und Kämpfe recht ist. Zum Glück scheint es, daß die Massen bei uns mehr Einsicht haben als diejenigen, die fich zu ihren Führern auswerfen wollen, mehr Gewissen und Rechtsgefühl als die Schürer, Hetzer und Treiber. Zu mancherlei argen Belästigungen der Juden in ihren