Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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258 „Du Warst doch wieder . . . dort?" „Nein", versicherte sie hastig, „ich habe Anna anstatt meiner hingeschickt". Sie biß sich auf die Lippen. Vielleicht brachte ihn das noch mehr auf. „Wenn du mich nicht gesehen hast", beeilte sie sich hinzuzusetzen, „so war es, weil ich auf der letzten Bank gesessen bin. Das Geschwätz um mich herum war mir unerträglich, und ich bin etwas früher nach Haus gegegangen, um eine wichtige Besorgung in der Wirtschaft ..." Sie unterbrach sich. Sie scheute sich, es auszusprechen, daß sie der ersten Sendung an den Kranken noch eine zweite hatte folgen lassen. „Aber ich war den ganzen Nachmittag im Tempel", sie neigte sich zu ihm, wie um ihm ein Geschenk zu bieten, „in deiner Nähe". Sie wußte nicht, was ihre Hingebung in ihm berührte. Daß ihr eigenes Opfer ihm auch eine Ahnung von Christinens Liebe gab; von dem Wesen eines Mädchens, das dem geliebten Mann auch freudig in den fremden Glauben folgt. Sie verstand nicht, daß er es versuchte, seinen inneren Kampf vor ihr zu bergen. Sie fragte sich: „Hat er mich überhaupt gehört? Von mir abgekehrt, wie um das Zimmer zu verlassen". Nach einer Weile hörte sie ihn sagen, langsam, als hole er die Worte aus einem tiefen Schacht: „Wie geht es Felix?" Ihr Atem stockte. Dieser Name, nach so langer Zeit, von seinen Lippen. „Nicht gut .... Professor Gerstel ist Nachmittag wieder bei ihin gewesen ... Er fürchtet . . .", sie mußte innehalten, um die Kugel, die ihr in die Kehle stieg, hinabzuschlucken, „er fürchtet für die Lunge - . . Er hat . . . sie . . ." sie tastete nach Worten, die ihn nicht verletzen konnten „er hat sie nun doch bestimmt, eine Pflegerin zu nehmen ... Und morgen früh", jede Silbe barg eine Beschwörung, „wollen . . . wir ihn transportieren. Ins Spital... wenn nicht . . ."