Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114754--3956-3115025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
257 Er prüfte sich. Hatte er etwa eine Missetat begangen? Würde der Vater den Alltag damit anfangen, daß er ihn bestrafte? Böse sah er aber eigentlich nicht aus. Nur sehr, sehr traurig, und so eigen, als sei er mit den Gedanken ganz wo anders, als bei diesem wundervollen Nachtmahl. Nur einmal richtete er sich etwasauf, zeigte, als entdecke er sie eben erst, auf die beiden Kerzen, die, wie stets am Freitag Abend, auf dem Flügel brannten, und befahl, nein er bat, und seine Stimme zitterte dabei. „Bitte, nehmt die beiden Lichte weg". Dabei legte er die Gabel nieder, aus der gerade ein Stückchen Rebhuhn spießte, und rührte nichts mehr an. Trotzdem die Mutter immer wieder die Speisen in seine Nähe schob. „Ach, wenn ich doch an meines Vaters Stelle wäre", dachte der Junge, war aber von der Seltsamkeit der Stimmung so bedrückt, daß er nicht zu widersprechen wagte, als die Schwester aufstand und ihn, noch vor dem Aufträgen des Nachttisches, mit sich nahm. Mann und Frau saßen einander gegenüber. So heftig hatte Frau Bertas Herz selbst in jener Stunde nicht geschlagen, in der sie von den Eltern mit Alexander Rosenberg allein gelassen worden war, um ihm ihr Ja zu geben. Nur daß er damals eine ftohe Zuversicht zur Schau getragen hatte, und heute nicht weniger bewegt erschien als sie. Und daß heute sie es war, die die Ungewißheit keine Sekunde länger ertragen konnte, und, mochte das Ergebnis auch wie immer sein, sofort nach einer Aussprache verlangte. „Alexander, ftng sie leise an, „ich muß dich um etwas bitten- Vergiß die Worte, die ich im Zorn gesprochen habe. Es ist wahr, ich werde es mir nicht verwehren lassen, meinen Sohn zu Pflegen . . . aber . . „Wieso bist du nicht gleich .... dort geblieben?" Sie mißverstand ihn. „Willst du mich wirklich auch verjagen?" Er war im Kamps mit sich. Wie schwer, wie schwer wurde ihm die äußerste Entscheidung. 17