Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Schrei . . . und wieder einer . . . der Hilfeschrei der Creatur, die leidet. Der Mann, der in dem monderhelltem Zimmer auf und nieder schreitet, krallt die Finger ineinander ... fein ganzes Wesen nur ein einziges Gebet: Gott, Gott stehe ihr bei . . . mach ihrer Qual ein Ende. Aber erst im ersten fahlen Morgenlicht, er ist im Halbschlaf auf das Kanapee gesunken, wird er gerufen: „Der Bub ist da, Herr Rosenberg." Ein Prachtkerl — ein Sonntagskind. Felix wird er genannt, und er bringt das Glück ins Haus. Noch nie ist das Geschäft so gut gegangen als im Jahr seiner Geburt. Und er selbst gedeiht vortrefflich. Zu zwölf Monden stellt er sich schon auf die Beine, verlangt zu laufen. Und bald darauf macht er seine ersten Sprechversuche. Er sagt zuerst „Mama" und das verdrießt den Vater. Man lacht ihn aus: „das nächste wird eben ein Mädel sein." Und im Grunde ist es ihm auch nicht Ernst. Der Junge liebt ihn doch am meisten. Wie er vor Freude kräht, wenn der Vater heimkommt, chn in die Höhe schwenkt und auf den Knieen schaukelt. Wie stolz er ist, wenn er am Sonntag mit dem Papa spazieren geht. Wie stürmisch er dann zu Hause fordert: „Ferdchen spielen", „auf Papas Dütten deiten", wie er lacht und jubelt: „Noch mehr, noch mehr", wenn der Vater ihm mit ungeschickten Händen Tiere zeichnet und Soldaten und die Kindsmagd und die Mutter. Das erste Kind! Und die Eltern sind noch selber jung. Es bleibt der Liebling, auch noch nachdem das Schwesterchen gekommen ist. Erst der Nachkömmling macht ihm den Vorrang streitig. . . Fortsetzung und Schluß der Predigt entgingen Herrn Rosenberg. Ganz in sich versunken, den Kopf in der ausgespreizten Hand vergraben, folgte er Schritt für Schritt den Spuren der Vergangenheit.