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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Versöhnungstag
Date
1911-01-01
Page
Seite 255 (sequence 47)
Language
German
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255 Verschlossene Türen sprangen auf, sein eigenes Ich trat ihm daraus entgegen, ein Ich der Zeiten, die er längst vergessen glaubte . . . Wie durch ein Wunder wurden, unter der Schrift der Gegenwart, verblaßte, halb verwischte Züge wieder klar — von allen Seiten grüßte ihn das Bild des Sohnes, ries ihm zu: Weißt du noch .... Besinnst du dich wie damals . . .? ... Die Schatten der anbrechenden Dämmerung verdüsterten den Betsaal. Der fremdgläubige Diener entzündete das Gas. Sein Schein siel auf schlaffe Mienen, ermüdete Gestalten, und seine Ausstrahlung war wie gehemmt; gleichsam eingesponnen in dem dicken Brodem, dem Gemisch' von Körperathem und dem Ausatmen von geistiger Bedrängnis Zu breiten Streifen ballte sich der Staub zusaminen, die Dochte der herabbrennenden Seelenlichte schwelten. Auf der Frauengalerie liefen Schritte hin und her. Wieder war eine von den Frauen ohnmächtig geworden, man brachte sie hinaus. Die Gemeinde beendete das Schlußgebet, mit der letzten leidenschaftlichen Bewerbung um die Gnade und den Schutz des Herrn. Unser Vater! Unser König! Zerreiße das über uns gesprochene Urteil! Unser. Vater, unser König! Fülle unsere Hände mit dem Segen, fülle unsere "Speicher mit Ueberflntz! Unser Vater, unser König! Vereitle die bösen Absichten unserer Gegner! Herr Rosenberg sendete nur einen Wunsch zum Schöpfer: Unser Vater, unser König! Erbarme dich über unsere Kinder. Schicke unseren Kranken Genesung. Wie ein zudringlicher Bittsteller sagte er immer nur das Gleiche: „Schicke unseren Kranken Genesung!" . . . Der Borbeter, sehr bleich, die Augen groß und glänzend in dem schmalgewordenen Gesicht, nahm noch einmal seine ganze Stimmenmacht zusammen.

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