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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 253

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Versöhnungstag
Date
1911-01-01
Page
Seite 253 (sequence 45)
Language
German
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258 sal des Geschaffenen in das Buch des Lebens eingeschrieben wird? Und seid Ihr der Verantwortung bewußt, die in dem Worte liegt: sein Schicksal ist besiegelt? Gewiß, Anfang und Ende liegen in dem Dunkel, das nur Einem aufgelichtet ist. Aber auch auf den Oberflächen, die uns kurzsichtigen Menschen sichtbar werden, laufen Fäden, die wir durch kurze Strecken lenken können. Darum prüft Euch gut: habt Ihr nicht auch im Unmut, in ungerechtem Zürnen, ein Menschenschicksal, das in Eure Hand gegeben ist, besiegelt, und damit schweres Unheil angerichtet? Und könnt Ihr von Gott verlangen, daß er Euch bedingungslos verzeiht, wenn Ihr nicht selber fähig seid, denen, die Euch wehe taten, zuzurufen: ich vergebe." Herr Rosenberg rückte gepeinigt auf seinem Platze hin und her. Er versuchte sich gegen diese neumodische Art der Predigt aufzulehnen. Er wollte Gottes Wort auslegen hören und nicht so ein idealistisches Gewäsch. Und er war nicht da, um sich von so einem jungen Rabbi abkanzeln zu lassen. Und doch ließ ihn das Bild nicht los. Hatte er das getan? Hatte er das Schicksal seines Sohnes im Zorn besiegelt? Und hatte schweres Unheil damit angerichtet? Vor den geschlossenen Blicken stand wieder die Vision ... die hohe Kerze zwischen den zwei herabgebrannten Stümpfchen, schlank und^.groß, wie die Glieder seines jungen Sohns. Schlank und groß. Um Haupteslänge überragte er den Vater. Und es war doch noch nicht lange her, daß er schwach und hilfsbedürftig vor ihm dagelegen hatte. . . . Eine laue Sommernacht. Der Mond scheint durch das offene Fenster und beleuchtet die Gestalt des Mannes, der im Zimmer rastlos auf und nieder schreitet. Die Straßen sind ganz still geworden, es hallt kein Schritt mehr auf dem Pflaster nach. Und nur ein Laut schneidet in das tiefe Schweigen: ein

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