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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 250

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Versöhnungstag
Date
1911-01-01
Page
Seite 250 (sequence 42)
Language
German
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250 der Raub, den das Leben am Lebenden begeht, ist unersetzlich. Nie heilt die Wunde, die von Bitterkeit vergiftet ist. Und ungeweinte Tränen fressen an den Eingeweiden. Und dann überwältigte es ihn doch, als, sanft einsetzend, der Chor aus jungen Kehlen drang, der an offene Gräber mahnte, an schwarze Schleier, an halb verweste Trauerkränze. Und als der Weiche Baryton des Kantors hoch aufstieg, wie eine dunkle Zypresse; „Ich weiß an Wen ich glaube Und mein Erlöser lebt". Oben schluchzte es und weinte, und aus dem allgemeinen Klagen hob sich ein halberstickter Wehelaut, erschütternd wie das Wimmern eines Tieres. Unwillkürlich schickte Herr Rosenberg den Blick hinauf. Und ihm ward, was sich ihm am Vormittag entzogen hatte, ihm ward der Anblick seiner Frau. Sie saß vorgebeugt, das Gesicht ins Taschentuch gepreßt, mit hochgezogenen Schultern, die in Erregung bebten. Eine Sekunde lang war es ihm wie eine Freude. Sie war also doch ihm gefolgt, hatte sich gewissermaßen für ihn und nicht für ihren Sohn entschieden. Gleich aber verwarf er diesen Glauben wieder. Nicht seinetwegen war sie da, nur um ihre Eltern zu ehren. Den Vater namentlich, an dem sie (wie eifersüchtig war er früher oft gewesen) mit großer Zärtlichkeit gehangen hatte. Der feierliche Sang verstummte. Wieder betrat der Prediger die Kanzel, verkündete die Namen derer, die in diesem Jahr zur Ruhe eingegangen waren, und empfahl den Hinterbliebenen, sich gläubig Gottes Ratschlägen zu fügen. Jeder Name weckte einen Widerhall in frischen Schmerzen; vernarbte Leiden bluteten aufs Neue. Die Luft, beschwert von Trübsal, hing wie eine Wolke um die' Sterbelichte, die trübe brannten, als drücke eine unsichtbare Hand sie nieder, und sich rascher zu verzehren schienen. Herr Rosenberg starrte auf die beiden Flammen, die.

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