Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Ein höfliches „Verzeihung" rief seine Sinne zur Gegenwart zurück. Der unverheiratete Löwit wollte an chm vorbei. Und so wie er, verließen noch Viele, vor Beginn der Totenfeier, ihren Platz. „Die haben von Glück zu sagen", meinte Herr Steinfeld, „noch kein naher Anverwandter ist ihnen gestorben". Schon wurden die Verse des einleitenden Liedes angestimmt: „Erhebe, Seele, deine Schwingen, Fleuch hin zu jenem stillen Kreis, Wo naÄ vollbrachtem Kämpfen, Ringen, Sanft ruht der Jüngling, wie der Greis". Der wehmütige Klang pochte an die trauernden Herzen. Die Männer trockneten verstohlen chre Augen, verhaltenes Schluchzen kam von oben von der Frauengallerie herab. Es steigerte sich, als der Prediger mit einem Ton, über den ein Flor gebreitet schien, das kleine Menschendasein dem Herrn über Tod und Leben demütig zu Füßen legte. „Oh Herr! was ist der Mensch, daß du sein gedenkst?" Wie zur Begleitung dieser Litanei, die ausnahmsweise deutsch und hebräisch vorgetragen wurde, damit ihre Bedeutung Niemandem entgehe, flackerten die Seelenlichte, die zur Rechten und zur Linken von der Bundeslade standen. Auch Herrn Rosenberg brannten dort zwei Kerzen, dem Gedächtnis seiner Eltern geweiht. Und seine überreizten Nerven zuckten unter der Berührung der gedämpften Stimme. Doch er verhärtete sich gegen ihren Klang. Wahrlich, nicht jene waren zu bedauern, denen ihr Teuerstes vom Tod genommen worden war, die sich zu ihrem Kummer unversteckt bekennen konnten. Nur