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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 247

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Versöhnungstag
Date
1911-01-01
Page
Seite 247 (sequence 39)
Language
German
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247 nur ganz instinktiv bemüht, eine Entfernung zwischen sich und seine Frau zu legen. An der Schwelle des Bethauses Prallte er zurück, so beklemmend fiel ihm Dunst und Hitze auf die Brust. Dabei hatte sich die Gemeinde nach der Pause noch nicht wieder ganz vollzählig eingefunden. Die Damengallerie sehr leer, und auch unten in den Bänken viele Lücken. Herr Rosenberg entging trotzdem dem Urteil seiner Nächsten nicht. Sein Schwager kam heran und klopfte ihm freundschaftlich die Schulter: „Na Alexander? Hast du auch mal Verstand angenommen, und hast dich zu Haus ein bischen ausgestreckt?" Herr Löwit sah ihm ins Gesicht. „Na, sehr erholt schaun Sie grad nicht aus. Wenn Sie mir folgen, schenken Sie sich auch noch Mincha, und die Predigt". Worauf der Schwager meinte: „Ja, wenn man erst über Fünfzig ist . . . ." Aber Herr Steinfeld, der ein Witzbold war, entschied sich dafür, daß Rosenbergs offenbar die Absicht hätten, sich insgesamt zu taufen. „Denn das war noch niemals da. Alexander Rosenberg nicht von früh bis Nacht in Schul, und Frau und Tochter nur auf ein paar Stunden zu Besuch". An diesen Witz knüpfte Herr Rosenberg seine Erklärung an. Eben weil seine Frau sich leidend fühle, leiste feine Tochter ihr Gesellschaft, und auch ihn habe es getrieben, sich nach ihr umzusehen. Er wußte wohl, daß man ihm keinen Glauben schenkte, und daß sich hinter ihm die Vermutungen erhoben. Aber es focht ihn in diesem Augenblick nicht an. Er war von einem einzigen Gefühl beherrscht — von einer Müdigkeit, der er nicht widerstehen konnte. Von dem Gebetbuch wie von einem Schirm geschützt, und von dem eintönigen Gebetsgeräusch umriefelt, schlief er ein. Als er sich ermunterte, stand die Bundeslade offen, und Herr Steinfeld las aus dem Propheten Jona vor. Aus dem Buch, das Zeugnis legte für des Allmächtigen

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