Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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246 „Kannst du mir nicht wenigstens heute Ruhe lassen?" Frau Berta beachtete die leise Mahnung ihrer Tochter nicht. „Und wenn es morgen schon zu spät ist?" Er wendete sich schweigend ab. Sie aber drang noch eifriger in ihn: „Und morgen? Was für eine Antwort wirst du mir morgen geben?" Herr Rosenberg verfärbte sich, er hob die Hand, als suche er nach einer Stütze. Sie mißverstand seine Bewegung, hielt sie für eine Ablehnung. Ihre Augen flammten. „Du Alex, überleg dir, was du sagst. Denn, daß du es nur weißt — wo der Felix bleibt, da bleib auch ich". Es war zuviel für Herrn Rosenberg. Das lange Fasten, die Anstrengung des Gottesdienstes, die aufreibenden inneren Kämpfe. Und nun, nach der Kunde von dem Verrat, den seine Familie an ihm begangen hatte, dieser Auftritt mit seiner Frau. Rote Ringe drehten sich im Kreis vor ihm, dann versanken sie im Dunkel . . . Mutter und Tochter hatten nur eben Zeit hinzuzuspringen, ihn zu unterfafsen und zum Kanapee zu führen. Frau Berta riß ihm Hemd und Kragen auf, lockerte ihm die Kleider, Anna lief nach Köllnisch Wasser» um ihm die Schläfen zu benetzen. Er war schon wieder ganz bei sich. Ein wenig taumlich noch, als er sich auf die Füße stellte, um langsam nach dem Schlafzimmer zu gehen. Die Unterstützung seiner Frau wies er zurück, nur Anna durste ihn begleiten und ihm beistehen, als er den Kopf mit Wasser buhlte. Aber auch ihr gelang es nicht ihn zu einem leichten Imbiß zu überreden. Mit Händen, die noch nicht ganz sicher waren, ordnete er seine Kleidung und verließ das Haus. Seine Schwäche und sein Zorn kämpften mit einander. Doch der Zorn behielt die Oberhand und gab ihm Kräfte, rasch vor sich hin zu laufen. Mit leerem Hirn, unfähig, etwas zusammenhängendes zu denken.