Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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245 Und zum Erstaunen seiner Tochter zog er sie zu Rate. „Was sagst du zu dieser kolossalen Frechheit?" Während sie noch überlegte, wie sie den Vater bestimmen könne, ohne ihn zu reizen, riß es draußen an der Klingel, und bald darauf erschien Frau Berta in der Tür. So blaß war sie. so tief umschattet waren ihre Augen, daß der erste Vorwurf, den ihr Mann ihr machte, ihrer eigenen Gesundheit galt. „Bei dieser Hitze bist du den weiten Weg hin und zurück gelaufen?" Anna dachte: also weiß er doch, wo Felix wohnt. Frau Rosenberg jedoch, als versage ihrem Geist die Hemmung, sagte, indem sie in einen Sessel sank: „Ich bin gefahren". Dieses Vergehen, geringfügig im Vergleich zu dem, was sie sich sonst hatte gegen ihn zu Schulden kommen lassen, traf ihn empfindlich, denn die öffentliche Meinung galt ihm viel. „Gefahren bist du . . . heut — am Feiertag. Wo sich dieLeute ohnehin schon die Mäuler über uns zerreißen?" Sie war selbst erstaunt, wie gleichgiltig seine Unzufriedenheit sie ließ, und wie wenig es ihr galt, daß er von ihrer Heimlichkeit erfahren hatte. Ihr Blick hatte das Blatt getroffen, das des Professors Handschrift trug. Das allein fesselte ihr Interesse. „Wann ist das gekommen?" rief sie, nachdem sie es durchflogen hatte. „Warum hat man mir das nicht gleich zu Werners nachgeschickt? Um keinen Preis hätt ich mich dann von dort fortgerührt". Ganz uneingedenk seines feindlichen Verhaltens, sprang sie auf und umklammerte die Hände Alexanders. „Hast du das gelesen? Wenn der vorsichtige Professor so schreibt, muß es sehr schlecht um den Jungen stehen. Man muß ihn herschaffen. Noch heute. Auf der Stelle". Anna sah die Adern in den Schläfen ihres Vaters schwellen, hörte den Sturm in seiner Stimme grollen, als er mit künstlich angenommener Haltung sagte: