Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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244 „Von Professor Gerstel. Er hat ihn der Mutter hergeschickt und man hat ihr ihn in den Tempel nachgetragen. Da sie schon weg war, Hab ich ihn aufgemacht. Ich Hab gedacht, vielleicht ist irgend etwas dringend zu besorgen. Und dann bin ich nach Haus gegangen, um chr ihn zu geben, im Fall sie doch vielleicht anderswo wie beim Felix wäre". Ein Freudentropfen in dem Wermutstrank des Vaters. Wie kurz und sachlich seine Tochter war. Das Wichtigste zuerst, Nebensachen konnten später kommen. Er nahm den Brief. Der Professor meldete, daß er die Temperatur noch immer ziemlich hoch gefunden habe (er nannte keine Ziffer) und die Natur der Krankheit noch immer nicht mit voller Sicherheit bestimmen könne. Er bedauerte zugleich, daß die Verhältnisse der Mutter heute jede Einschreitung verbäten. Morgen aber würde er den Kranken gern in eine andere Umgebung bringen- Ins Spital oder — falls es tunlich sei, und was ihm freilich als das Wünschenswerteste erschiene — in die mütterliche Pflege. „Das freilich muß ich gleich bemerken — von seiner jungen Frau wird der Kranke nicht zu trennen sein. Es hieße Beide zu sich nehmen oder Keinen". Herr Rosenberg knitterte das Blatt zusammen und warf es auf den Tisch. „Sonst hat der Kerl keine Wünsche?" Aber Anna schob ihm zögernd einen zweiten Zettel zu. „Sie hat auch geschrieben . . ." Die innere Erregung mochte Christinens Schrift wohl haben beben lassen, aber ihre Zeilen gingen aufwärts, wie von einer Hoffnung hochgetragen. Keine Anrede und keine Unterzeichnung. Nur zwei Sätze aus dem Buche Ruth: „Sein Volk ist mein Volk und sein Gott ist mein Gott. Wo er stirbt, da sterbe ich auch, da will ich auch, begraben sein". „Komödiantin", murmelte Herr Rosenberg.