Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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243 Entschluß heraus sich Plötzlich zu entscheiden schien. Dicht beim Vater, senkte sie die Blicke bittend in die seinen. „Die Mutter wird, denk ich mir, beim Felix sein". „Beim Felix?" Wie Steine fielen ihm die Worte auf den Kopf und ließen ihn verwirrt. „Wieso beim Felix?" Wieder faßte Anna ihren Mut zusammen. „Der Felix ist sehr krank". Er war unfähig, sofort Stellung zu dieser Mitteilung zu nehmen. „Woher weißt du das?" „Von Christine. Sie war gestern bei uns". Sie tat es für die Mutter, um ihr das Schwerste zu ersparen, und grollte ihr zugleich, daß sie um ihretwillen den Vater so betrüben mußte. Er war ganz fassungslos. „Bei uns . . . diese Person . . . Hinter meinem Rücken geht Ihr mit ihr um? ..." Sie konnte seinen Zorn so gut begreifen, und hatte doch Gerechtigkeitsgefühl genug zu verstehen, daß jetzt nicht der Moment sei, um Partei zu nehmen. „Vater, sei nicht so Lös. Schau, die Mutter hat dir das alles noch nicht sagen wollen. . . . Aber es ist vielleicht so besser. . . . Der Felix ist wirklich krank . . Und du hättest dir vielleicht einmal Vorwürfe gemacht". Es ist für Eltern immer überraschend, ihre Kinder unerwartet als Gleichberechtigte vor sich zu sehen. Auch Herr Rosenberg fühlte Anna in diesein Augenblick seiner Vormundschaft entwachsen. Sie wurde ihm fremder und gleichzeitig vertrauter, als ein Teil der eigenen Art. Er anerkannte ihre Verständigkeit, in dem er sich zur Ruhe überwand. „Was fehlt dem Felix?" Anna holte einen Brief aus ihrer Tasche.