Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 242 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114754--3941-3115010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
242 fernte sich von dem Ort, den er sonst nie vor dem Erscheinen des ersten Sterns zu verlassen Pflegte, um daheim dem Ergehen der Seinen nachzusragen. Anna, die, vom Wohnungsfenster aus, den Vater schon von weitem kommen sah, hatte Zeit ihrem Benehmen Unbefangenheit zu geben. Herr Rosenbergs heftiges „warum bist du denn zu Hause?" beantwortete sie etwas jesuitisch, das heißt, der Wahrheit nicht entgegen. „Ich Hab geschaut, daß der Alfred etwas ordentliches zu essen kriegt". Er ging nicht näher auf die Frage ein, hing seinen Hut an den Garderobenhaken und sagte, im Begriff die Tür zum Wohnzimmer zu öffnen: „Ist die Mutter drin?" Anna machte eine Bewegung, wie um ihm den Weg zu sperren, trat dann zurück und folgte ihm. „Nein", sagte sie, „hier ist die Mutter nicht". „Ist sie im Schlafzimmer? Hat sie sich hingelegt?" Anna schüttelte den Kopf. Die Art des Mädchens ging ihm so sehr auf die Nerven, daß er kaum fähig war sich zu beherrschen. „Was sind das für Manieren? Mach doch den Mund auf und gib Antwort. Was ist denn mit der Mutter?" Anna preßte die Lippen wie im inneren Kampfe aufeinander und öffnete sie dann widerwillig: „Zu Hause ist die Mutter nicht". Herr Rosenberg wußte nicht, sollte er ängstlich oder wütend werden? „Aus dem Teinpel ist sie aber doch weggegangen". Und nun zitterte ihm doch die Stimme, als er fragte: „Hast du eine Ahnung, wo die Mutter ist?" Er war nicht geübt in der Beobachtung von fremden Seelen. Das fiel ihm trotzdem auf, wie die Farbe in den Wangen seiner Tochter kam und ging, wie sie zu Boden blickte und überlegte, und aus einem mutigen