Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 31)
- Language
- German
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239 meine Andächtigen, das Glück wohnt nur in der Uebereinstimmung von Tun und Wollen, in jener Zufriedenheit des Gemüts, die von der Wahrung der inneren Ueberzeugung kommt. Darum denkt daran, die Seelen derer, die Euch anvertraut sind, heute in das Buch des glücklichen Lebens einzuschreiben. Lehrt sie, sich selbst getreu zu bleiben, die Verführung zu Heuchelei und Unwahrheit zu fliehen, Gott durch Werke der Barmherzigkeit und Menschenliebe zu gefallen". Herrn Rosenberg erging es, wie den Meisten seiner Betgenoffen ihm mißfiel der Mann; er fand seine Rede unklar und verschwommen. Es gab wahrlich wichtigere Probleme in dieser Zeit der politischen, sozialen und Religionszerklüftung, als Phrasen über Menschlichkeit und Ueberzeugung. So was verstand sich doch von selbst. „Das wird Wasser auf die Mühle meiner Frau sein", dachte er. „Sicher ist sie ganz entzückt". Die Vermutung, sie könne weggegangen sein, war ihm ganz entfallen und kam ihm erst zurück, als es ihm wieder nicht gelang, sie zwischen den großen Federhüten der Frau Perner und Frau Grünzweig zu entdecken. Er hatte es immer abgelehnt, Gesellschaftssitten in das Bethaus einzuführen, wie es viele von den Männern taten, die wiederholt ihre Frauen, Töchter oder Bräute aufsuchten, ihnen Blumen und Essenzen brachten und nach ihrem Wohlergehen fragten. Auch jetzt verließ er seinen Platz nur, um nach einem Boten auszuschauen und ihn mit einem Auftrag auf die Frauengalerie zu schicken. Mit stummem Gruß ging er an den Luftbedürftigen vorbei, die im Eingangsslur plaudernd bei einander standen, und trat auf den Hof, in welchem sich die Jugend von den Mühen des Gottesdienstes erholte. Ihn freute, daß sich unter den Mädchen, die, weiß gekleidet, bunte Blumenhüte auf den sorgfältig frisierten Haaren, wie in einem Ballsaal mit den jungen Leuten auf und niedergingen, seine Tochter Anna nicht befand. Dagegen erblickte er in einer Ecke seinen Jüngsten im eifrigen Gespräch mit Philip Schwarz.