Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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238 brachte, da er seinen Erstgeborenen in dem Glauben seiner Väter festhielt und die fremdgläubige Schwiegertochter von der Schwelle seines Hauses wies- Und alle Vorschriften für die Opferungsgebräuche wurden ihm zu Sinnbildern durchwachter Nächte, sorgenvoll durchlebter Tage. Als er, auf dem Rückweg zu seinem Platz, nach oben spähte, verletzte es ihn, daß Berta nicht soviel Interesse für seine Ehrung zeigte, um sich vorzubeugen und ihm zuzulächeln. Erst mitten in der Predigt schoß es ihm durchs Hirn „ob ihr schlecht geworden und sie hinaus gegangen ist." Mit einer Handbewegung, als sei er eine körperliche Hemmung, schob er den Gedanken von sich weg. Doch seinem Geist war heute keine Aufrichtung gegönnt. Der Prediger, ein Neuling auf der Kanzel, von der Gemeinde erst seit kurzem aus Süddeutschland berufen, hatte seiner Ansprache einen Teil des Morgengebets unterlegt. „Unser Vater, unser König schreibe uns ein in das Buch des glücklichen Lebens". Er faßte diese Worte symbolistisch auf. In dem Getriebe des modernen Lebens sei den Menschen ein Tag der Einkehr und Besinnung nötig. Als ein solcher sei der Tag des Versöhnungsfestes anzusehen. Losgelöst von den Anforderungen des Erwerbs und des Berufs, aller Ansprüche des Leibs entrückt, sei der Andächtige frei, in sich hineinzulauschen, sein Innerlichstes, Bestes ausder Verschüttungdurch das Gewöhnliche herauszugraben, sich des Erhabensten bewußt zu werden, das ihm der Herr verliehen hat, der Seele. Seiner eigenen Seele, wie der Seele aller derer, die seiner Führung anbefohlen sind. In Familie, Schule, im Beieinanderstehen durch Schicksal oder Not. Schreibe uns ein in das Buch des glücklichen Lebens, beten wir. Was aber ist das Glück? Etwa die Anhäufung von Schätzen, das Aufklimmen zu Ehre , und Erfolg? „Nein,