Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 32)
- Language
- German
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240 Alfred hatte der Heiligkeit des Tages sein Gabelfrühstück zum Tribut gebracht und war im Süllen fest entschlossen, dem Gebot der Eltern entgegen, auch weiter bei seinem Kameraden auszuhalten. Wie zwei Helden kamen sich die beiden Knaben vor; ihre Unterhaltung drehte sich beständig um ihr großes Abenteuer. Und um den Magen, der immer dringender seine Ansprüche erhob, zu überlisten, nährten sie ihn mit Vorstellungen kulinarischer Genüsse. „Möchtest du", erkundigte sich beispielsweise Philip, „jetzt ein Huhn mit Reis?" Worauf Alfred, den Mund wässrig nach dem vorgeschlagenen Gericht, erwiderte: „Ich möchte lieber Linzertorte oder Erdbeerkörber mit Oberschaum". Ihre ausschweifende Phantasie hatte ihnen eben Lachsmajonnaise und Schokoladentorte aufgetischt, als das Erscheinen Herrn Rosenbergs der Festtafel ein Ende machte. „Warum stehst du hier herum und schwatzt?" fragte er den Jungen; fugte aber, ohne die Antwort abzuwarten, schnell hinzu: „Spring hinauf und schau, wie es der Mutter geht". Alfred, froh, ohne strengeren Verweis davon zu kommen, lief davon und brachte hurtig den Bescheid: „Die Mutter ist nicht oben, und die Anna auch nicht". Beide weggegangen? Warum? So krank konnte die Frau, die heute morgen noch ganz wohlauf gewesen war, doch nicht geworden sein, daß sie sogar die Hilfe ihrer Tochter brauchte. Und doch konnte nur eine dringende Notwendigkeit sie weggetrieben haben. Was mochte vorgefallen sein? War es etwas so Wichtiges, daß es chn zwang, von einem durch dreiunddreißig Jahre treu geübten Brauch zu weichen? Er zauderte . . . schon halb entschlossen . . . „Es geschehen Zeichen und Wunder", redete ihn Herr Steinfeld an, „sie haben drinnen Mussaph angefangen und Herr Rosenberg steht draußen bei den jungen Leuten".