Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 237 (sequence 29)
- Language
- German
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237 gemacht gewesen, Else Löwit und Felix miteinander zu verloben. Ein liebes Mädchen, wohlerzogen. Und eine Mitgift von hundertvierzigtausend Kronen. Und dabei kannten sich die Zwei von Kindheit an. Es wäre fast gewesen wie eine Verheiratung aus Liebe. Er wendete sich, um seine Frau zum Zeugen seiner Enttäuschung anzurufen. Er sah sie nicht. Das reizte ihn. Er stellte sich sie vor: zurückgelehnt, ganz vergrübelt und in Mitleid aufgegangen, mit ihrem Sohn, mit sich selber, der dieser Tag so bittere Erinnerungen brachte. Ihm etwa nicht? Litt er etwa weniger als sie? Da zieht man sich ein Kind mit Sorge und mit Mühe auf, hat kein anderes Bestreben, als ihn zu fördern, damit ers einmal weiter bringe, als der Vater. Und dann kommt so ein Bengel und wirft Einem alles vor die Füße. Aus Eitelkeit, weil ihm ein hergelaufenes Frauenzimmer den Kopf verdreht hat. Und dazu sollte man Ja und Amen sagen. Das bequemste wäre es allerdings gewesen. Ihm fehlte ja der Junge auch bei Tag und Nacht. Und mit ansehen, wie die Frau sich härmte und grämte, war wahrhaftig kein Vergnügen. Aber er hatte es sich auferlegt, aus Pflichtgefühl, den anderen Geschwistern zum Beispiel, und weil er kein anderes Mittel wußte, den Undankbaren zur Raison zu bringen. Er sollte nur mal hungern und entbehren, dann würde er schon lernen, was es heißt, auf eigenen Füßen stehen zu müssen. Ohne Geld, ohne Nachhilfe von allen Seiten. Dann würde er schon zu Kreuze kriechen, sich besinnen. Der Tempeldiener schob ihm einen Zettel zu. Er war als Vierter aufgefordert der Vorlesung Ses Thoraabschnitts beizuwohnen. Gewiß, diese Auszeichnung war die Quittung für ein reiches Geldgeschenk an eine wohltätige Stiftung. Trotzdem hob sie seine herabgedrückte Stimmung. Während man ihm von dem Gebote Gottes las, an jedem zehnten des siebenten Monats Sühneopfer darzubringen, gedachte er des Opfers, daß auch er dem Herrn