Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 28)
- Language
- German
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236 Und hätte er die Klagen seiner Frau, ihre Vorwürfe vielleicht ertragen können, ohne seinen Gleichmut zu verlieren? War es nicht schon übermenschlich gut von ihm gewesen, ihr die zugefügte Kränkung nicht lange nachzutragen? Er, seit vierundzwanzig Jahren ein braver Ehemann, nicht wie Andere, die nach links und rechts scharmieren. Er, von früh bis Abend arbeitsam, bestrebt den Reichtum zu vermehren, von dem sie doch den größten Vorteil hatte. Zum Lohn dafür hatte sie sich gegen ihn mit seinem Sohn verbündet. Von jeher war es so gewesen. Immer hatten die Beiden aneinander festgehalten. Auch darin ähnlich, daß sie ihn nicht so liebten wie er sie, daß sie sich einbildeten, etwas Besseres zu sein. Natürlich! Er war nüchtern, er war ungebildet — sie waren die Hochgemuten, die Poetischen! Die Narren! „Einzig ist unser Gott!" verkündete der Borbeter! „Er ist unser Vater! Er ist unser König! Er unser Helfer!" Herr Rosenberg erwiederte im Verein mit der Gemeinde: „Herrlichster aller Herrlichen! Ewig unser Herr! Wie ruhmvoll ist dein Name auf der ganzen Erde!" Und er gestand sich nicht, daß er im Herzen auch dem Herren grolle. War er nicht im besten Sinne gottesfürchtig? Gab den Armen, half bedürftigen Verwandten. Warum strafte ihn der Herr so hart? Vor ihm saß sein Schwager Beer mit seinen beiden Söhnen. Im kleinen Finger hatte Felix mehr Verstand als seine zwei Cousins im ganzen Kopf. Aber der Aelteste war schon in der Kanzlei eines großen Advokaten angestellt, der zweite im Geschäft des Vaters rechte Hand. Und dort weiter rückwärts der Löwit, gerade grüßte er herüber. Halb und halb war es zwischen ihnen ab-