Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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235 augenblicklich wieder hinzubringen, widerriet ihr die Vernunft. Riet ihr, lieber einen Boten damit wegzusenden, um die Kühnheit, am hohen Feiertage die Straßen zu durchfahren, nicht zu übertreiben. Wie leicht konnte es ihrem Mann sonst zugetragen werden. Der — es war immerhin doch die Möglichkeit vorhanden — von ihrer Abwesenheit gar nichts erfahren haben mochte. In diesem Fall mußte sie versuchen, ihm den Besuch bei Felix fürs Erste zu verhehlen. Denn war es nicht im Interesse ihres Sohns und deshalb im Augenblick ihr dringendstes Geschäst, den Vater bei guter Laune zu erhalten? - Herr Alexander Rosenberg vermochte heute nicht sich in die gewohnte Andacht zu versenken. So sehr er sich bemühte die Außenwelt aus seinen Vorstellungen zu entfernen, immer wieder drängte sie sich hinein. Er schob seine Zerstreutheit auf die schlecht verbrachte Nacht. Das Hin- und Herwerfen der Frau hatte auch ihn keine Ruhe finden lassen. Er redete sich ein, er habe aus erzieherischen Gründen der Ursache ihrer Schlaflosigkeit nicht nachgefragt um ihre Neigung Nachts Unterhaltungen zu führen, nicht zu unterstützen. Aber tiefinnerlichst glaubte er nicht daran, wußte von dem Kummer, der sie wach erhalten hatte, und daß er nicht den Namen von ihr hatte nennen hören wollen, der auch ihn verfolgte, nicht an Vorkommnisse rühren, die auch sein Gedächtnis nie verließen. Frieden sollte dieser Tag ihm bringen. Heftige Worte durften feine Heiligkeit nicht stören. Daran hielt er mit Fanafismus fest.